Der neue Glaube an die Kunst Für Sinn und Segen in das Museum?


Osnabrück. Starkünstlerin Marina Abramovic lädt in London wieder zur Schweige-Performance. Das Spektakel steht für den neuen Glauben an die Kunst. Worum geht es? Eine Analyse.

„512 Hours“ heißt die derzeit in London laufende Kunstaktion. In der leeren Serpentine Gallery gibt es nur ein Exponat: Marina Abramovic. Der Star der Performancekunst lädt jeweils einen Besucher zu sich. Wer eintreten will, muss das Smartphone abgeben. Fotografieren, Filmen, Simsen, Posten – alles verboten. Abramovic zwingt in die Konzentration. Und zu einer Nähe und Andacht, die religiöse Züge trägt. Die Galerie als Kapelle, die Leere als Versenkungserlebnis, die Kunst als letzte Sinninstanz: Abramovic steht für den neuen Trend: Kunst als Glaube.

Kunst und Glaube? Diese Fessel hatte die Kunst in der Moderne ja zerrissen, um autonom werden zu können. Kunst sollte der Religion nicht mehr untertan sein, sich Bildinhalte und Wirkungskreis nicht mehr vorschreiben lassen. Kirche war heilig, Kunst heillos unbotmäßig. Allerdings nur, um in sensationeller Schubumkehr vom Vehikel des Glaubens zu einem Glauben eigenen Rechts zu avancieren. Der Künstler als selbst erklärter Messias, das Kunstwerk als Ikone, die Ausstellung als Erweckungserlebnis: Kunst hat ein eigenes, spirituell aufgeladenes Kraftfeld erzeugt.

Kraft der Leere und Stille

Verblüffend jedenfalls, mit welch hingebungsvoller Sehnsucht nach Nähe und Sinn Besucher sich nun in die Performance „512 Hours“ begeben. Nichts als der Ausstellungsraum und die Künstlerin: In diesem Purismus verdichtet sich die auratische Magie der Kunst selbst. Yves Klein zeichnete diesen Weg bereits 1958 vor, als er die leere Pariser Galerie Iris Clert als „Le Vide“, die Leere, ausstellte. Was mancher Spötter für hohle Scharlatanerie halten wollte, erwies sich als prophetische Geste. Die befreite Kunst hat früh die religiös grundierte Pose der Sinnstiftung übernommen. War das „Schwarze Quadrat“ von Kasimir Malewitsch etwas anderes als die Gründungsikone einer Kunst, die sich selbst als höchsten Gegenstand der Verehrung inthronisierte?

Rund ein Jahrhundert später sind Künstler so selbstbewusst, dass sie die Kirche als Ort der Kunst neu besetzen. Gerhard Richter im Kölner Dom , Neo Rauch im Naumburger Dom, Sigmar Polke im Zürcher Großmünster, Imi Knoebel für die Kathedrale von Reims, Markus Lüpertz für St. Andreas in Köln: Gleich eine ganze Reihe prominenter Künstler hat in den letzten Jahren Kirchenfenster gestaltet. Der 2007 verstorbene Jörg Immendorff malte die „Bild“-Bibel. Dass der Kölner Kardinal Joachim Meisner gegen das „Richter-Fenster“ im Kölner Dom wetterte und meinte, die abstrakte Farbkomposition passe besser in eine Moschee als in den Dom, hat dem 2007 installierten Kunstwerk sogar mehr genützt als geschadet. An der Weiheaura der Kunst prallt selbst das Verdikt kirchlicher Würdenträger ab. Was für eine Umkehr der Hierarchie.

Dabei vermittelt Richters Fensterbild für den Kölner Dom ebenso wenig eine präzise Botschaft wie die Performance von Marina Abramovic. Das müssen sie auch nicht. Die Kunst ist ihre eigene Botschaft – als Segen im Diesseits, Sinninstanz, Beeindruckungsritual. Ihre Strahlkraft verspricht genau jene Erfahrungsdichte und Erlösungsaura, die Besucher mobilisiert. Kunst als Glaube: Das fügt sich perfekt in eine Zeit, deren Zeitgenossen nach Sinn, Segen und Sein suchen, ohne sich an Überzeugungen binden zu wollen.

Immerhin 1565 Menschen setzten sich zu Marina Abramovic an den Tisch, als die Grande Dame der Körperkunst unter dem Titel „The Artist is Present“ 2010 über 721 Stunden im New Yorker Museum of Modern Art einfach nur anwesend war . Die Magie der Situation war so überwältigend, dass sogar Stars wie Sharon Stone, Tilda Swinton oder Lady Gaga am Tisch der Künstlerin Platz nahmen.

Wärmendes Licht

Kunst speist sich, wie bei Marina Abramovic, aus der Kraft ihrer Gesten, sie verwandelt, wie bei dem Videokünstler Bill Viola, selbst Themen wie Tod und Auferstehung in bildgewaltige Erlebnisse oder verwandelt sich, wie bei Olafur Eliassons „Weather Project“ in der Londoner Tate Modern, zu einer zweiten Natur. Von Eliassons künstlicher Sonne ließen sich buchstäblich Millionen wärmendes Himmelslicht spenden. Kunst reflektiert keine jenseitige Instanz mehr, sie ist selbst zu einem Jenseits im Diesseits geworden, das wie selbstverständlich die letzten Dinge thematisiert.

Kaum ein anderer Künstler hat diese Extrempunkte so genial und unverschämt zugleich verklammert wie Damien Hirst. Sein mit 8601 Diamanten besetzter und „For the Love of God“ betitelter Totenschädel bringt zusammen, was Kunst auszeichnet – ihre Mahnung an die letzten Fragen des Lebens bei gleichzeitiger Verfallenheit an einen irrwitzig hocherhitzten Markt .

Diese Situation reflektiert die Fähigkeit der Künste, als Sinngebungsinstanz eigenen Rechts aufzutreten. Darin zeigt sich Erfolg – und die Gefahr, im bloßen Autoritätsgestus zu erstarren, Wahrnehmung eher zu verstellen, als zu öffnen. Olafur Eliasson reagierte auf diese Gefahr kürzlich mit seinem als App erhältlichen „Ausstellungs-Guide“ , der Kunstbesucher zu eigener Erfahrung und Urteilsbildung ermutigt. Dafür bedarf es jedoch keiner Kunstanbetung, sondern beweglicher Wahrnehmung. Kunst darf keine Religion sein wollen, sie muss Erfahrungssituationen bieten und Denken initiieren. Darin liegt ihre wichtigste Aufgabe in einer Zeit , in der das Grundrauschen der Medien zu einem Höllenlärm angeschwollen ist.


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