Bibiana Beglau als Mephisto Martin Kusej scheitert in München an Goethes Faust

Von Barbara Reitter-Welter


München. Bibiana Beglau als Mephisto – ist das schon die Garantie für einen großartigen „Faust“? Martin Kusej wagt das Projekt am Münchener Residenztheater und scheitert.

Ein ambitioniertes Großprojekt – doch leider großartig gescheitert. Goethes Faust I und Faust II in eine Aufführung zusammenzubinden, gleichzeitig nicht texttreu am Original zu kleben, sondern für die Gegenwart Allgemeingültiges herauszuarbeiten und die Geschichte der letzten zwei Jahrhunderte mitspielen zu lassen – das ist auch für einen begabten Theater-Maniac wie den Resi-Intendanten Martin Kusej eine Überforderung. Heftige Buhs für den Regisseur, lang anhaltender Applaus fürs Ensemble, besonders das Trio infernal Bibiana Beglau als Mephisto, Werner Wölbern als Sinnsucher Faust und Andrea Welzl als Gretchen.

Bibiana Beglau ist ein zunächst zarter, zurückhaltender Verführer, der sich mit Schmeichelton dem armen Heinrich durchaus erotisch nähert – und auch sonst kein Kostverächter ist. Denn es geht knallhart zu in Sachen Sex im dauerschwarzen Bühnen-Inferno. Dabei ist Werner Wölbern nun wirklich nicht der Mann, der ohne des Teufels Macht den Frauen den Kopf verdrehen könnte. Klein und dicklich und auch sonst ohne jegliche Ausstrahlung, gibt er eher einen Desperado im Dickicht der Städte als den Schreibstubengelehrten. Andrea Welzl zumindest bedient mit unaufgeregter Intensität die Gretchen-Klischees.

Zwar findet man das bekannte Klassiker-Personal, doch Regisseur Kusej hat die beiden Dramen nicht nur gekürzt und modernisiert , er hat das ganze Werk kräftig auseinandergenommen und einzelne Partien fast willkürlich - zumindest nicht sinnstiftend - ineinandermontiert. So tritt gleich zu Anfang nach Fausts erstem Monolog das alte Paar Philemon und Baucis auf, und gegen Ende, als Faust, wie man noch aus der Schullektüre weiß, der sozialistischen Utopie frönt und Land urbar macht, ist er in dieser Bearbeitung zum Kokain handelnden Mafioso mutiert, der auch noch ein Kind als Selbstmordattentäter in den Tod schickt...

Alles, was heute gesellschaftspolitisch relevant ist, wurde in dieses Projekt hineingezwängt und mit Trivialmythen wie Vampirismus und amerikanischen Songs aufgepeppt. Als da wären: Arbeitslose und Obdachlose, die beiden Weltkriege, die mit heftigen Explosionen samt veritablem Gestank angedeutet werden, aber auch das düsterste Kapitel deutscher Geschichte, die KZ. Hier steht allerdings statt „Arbeit macht frei“ provozierend „Honi soit qui mal y pense“ - was wohl gleichzeitig das Motto dieser Regiearbeit gewesen sein mag (zu Deutsch übersetzbar mit „Schlecht ist, wer Schlechtes dabei denkt“).

Zur Collage-Technik des Regisseurs gehört nicht nur die Aufhebung der Chronologie der beiden Dramen, er hat auch – Witz lass nach – die Texte so vertauscht, dass laut Goethe „der Sinn verstückt“ wird, Mephisto also Gretchen-Texte sprach oder Faust zum Sprachrohr Mephistos wurde.

Das Konzept, den Dichterfürsten vom Sockel zu stoßen und neue Sichtweisen auf den Klassiker zu ermöglichen, ging jedoch nicht auf. Es blieb Stückwerk, selten mit einem emotionalen oder intellektuellen Aha-Erlebnis. Allerdings mit effektvollen Bild-Tableaus! Fazit: Faust ist ebenso banal wie jeder Durchschnittsmann in der Midlife-Crisis. Verwirrend auch die Bühne (Aleksandar Denic): eine Mischung aus Bolzplatz, Gefängnishof und Fabrik mit einem Riesenkran, der sich nur ein einziges Mal auf der permanent rotierenden Bühne drehte.

Nächste Aufführungen:
8., 22. Juni. Kartentel:
089/ 21851940. www.residenztheater.de


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