Ein Bild von Dr. Stefan Lüddemann
03.06.2014, 06:00 Uhr KOLUMNE

Auch der Kritiker macht die Kunst

Von Dr. Stefan Lüddemann



Osnabrück. „Wer ist Autor der Kunst?“. Das ist das Thema einer Diskussion in der Kunsthalle Osnabrück am 5. Juni. Der Kunstkritiker Stefan Lüddemann diskutiert mit. Hier sein Statement:

Der Autor veranlasst, stößt an, setzt ins Werk, schafft und schöpft, verantwortet. Der Autor erscheint als der große Beweger - erst recht in der Welt der Kunst. Hier ist der Autor der Künstler, Inbegriff des Schöpfers, Vorbild des Genies, Ebenbild Gottes. Dieses Bild entwerfen jene Bilder, die die Künstler selbst für ihresgleichen und letztlich für den Autor fanden. Als Genie, Schöpfer, Künstler schwankt das Bild des Autors in dieser Jahrhunderte alten, wirkungsmächtigen Tradition zwischen Allmacht, Wahnsinn und einem ebenso beklagten wie kultivierten Außenseitertum.

Der Künstler als Kult: Das alte Konzept der Kunst hat längst auch die Popkultur erreicht. Auch Pop ist Kunstkult. Lady Gaga zeigt, wie das geht.

Aber dieses Bild des Autors hat Risse bekommen. Die Kunstwelt feiert längst beides - den Künstler als vergötterten Star eines explodierenden Marktes, den Kuratoren, der mit seinen Ausstellungsschöpfungen spätestens seit dem legendären Documenta-Macher Harald Szeemann zu einem zweiten Künstlertypus avanciert ist, den Theoretiker, der als Meister des Diskurses jenes Bedeutungsgewebe bearbeitet, dass Kunst angeblich erst sichtbar machen soll. Die Figur des Autors hat sich aufgefächert. Sie ist nicht mehr allein Domäne des Künstlers. Und der ist schon lange nicht mehr mit der Rolle des Genies identisch. Endlos die Liste jener Künstler, die sich heute als Dienstleister, Interventionsstrategen, Sozialwerker oder Politprotestler verstehen. Künstler und damit Autoren gibt es längst nicht mehr nur als Stars, sondern auch als Teamplayer oder Netzwerker. Damit rutscht der Autor dorthin, wohin er eigentlich nicht gehört - unter die Schwelle der Sichtbarkeit.

Warum ist Kunst eigentlich so teuer? Bei Kunstauktionen explodieren jedenfalls die Preise. Lesen Sie hier die Analyse.

Wer die Frage nach dem Autor in Bezug auf die Kunst stellt, fragt unweigerlich danach, wer die Kunst macht. Künstler machen die Kunst. So lautete einst die klare Antwort. Doch das ist längst nicht mehr so. Seit dem Beginn der Moderne ist die Kunst von einer Kultursparte zu einem komplexen System angewachsen. Ein unweigerlicher Prozess, denn eine Kunst, die sich als autonom etablieren will, muss sich selbst beauftragen, legitimieren, kommentieren, rechtfertigen, anpreisen. Die autonom agierende Kunst differenziert notwendig eine ganze Reihe von Rollen aus, die es zuvor nicht oder zumindest nicht in dieser Professionalisierung gab. Die Konsequenz: Nicht mehr nur Künstler machen die Kunst, sondern auch jene Vermittler und Sinnstifter, die als Händler, Kuratoren oder Kritiker agieren - um nur diese Rollenkonzepte zu nennen.

Wie erklärt ein Kunstkritiker die Kunst? Lesen Sie hier ein Musterbeispiel - Stefan Lüddemann Besprechung der Ausstellung von Thea Djordjadze in der Kunsthalle Lingen.

Warum ist zum Beispiel der Kunstkritiker ein Autor? Weil er zweierlei verantwortet und kreiert - seine Texte und mit ihnen einen Sinn, den der Kritiker jenen Objekten, Präsentationen, Prozessen oder Handlungen zuerkennt, die den Anspruch erheben, Kunst zu sein. Kritiker machen in diesem Sinn Kunst, nicht indem sie gleich zwischen gut und schlecht, gelungen und misslungen unterscheiden, sondern, weil sie jene Kunst erklären und deuten, die sich oft nicht mehr selbstverständlich als Kunst verstehen lässt. Das betrifft nicht nur einzelne Werke, sondern vor allem ganze Präsentationen. Die Kasseler Documenta liefert dafür das Musterbeispiel. Die wichtigste Weltausstellung der Kunst erfindet sich mit jeder ihrer Ausgaben neu - und sie muss von jedem ihrer Rezipienten neu erfunden werden. Das betrifft vor allem die Kritiker, die mit ihren Texten aus dem Angebot der Werke, Situationen und Diskurse, die unter dem Namen Documenta firmieren, ein Konstrukt erstellen, über das sich dann wieder mit Sinn debattieren lässt. Ist das nun Kunst? Oder ist es keine? Die Frage lässt sich mit der Diskussion von Texten am besten diskutieren. Kritiker liefern dafür die Sinnentwürfe. Machen sie damit auch die Kunst zur Kunst? Ein wenig jedenfalls. Auch wenn sie keine Künstler sind.

Was war an der Documenta 13 denn nun Kunst? Hier ein Vorschlag - als Kritik von Stefan Lüddemann.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN