Installationen im Bahnhofsviertel „Moon in Alabama“: Elf Monde scheinen über Münster

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Münster. Sie sind die grauen Mäuse in jedem Stadtgebiet – Schaltkästen. In Münster hat Objektkünstler Tobias Rehberger elf der kantigen Funktionsträger zu poppig bunten Diven umgestaltet. „The Moon in Alabama“: Unter diesem Titel bringt die Kunst einen Hauch von Romantik in das eher triste Bahnhofsviertel.

Wir hasten an ihnen vorbei, würdigen sie keines Blickes. Schaltkästen halten unseren Alltagsbetrieb buchstäblich am Laufen. Aber Hingucker sind sie deshalb noch lange nicht. Rund um den Münsteraner Bahnhof hat Tobias Rehberger elf dieser stillen Dienstleister in Kunstobjekte verwandelt. Bunt gegen Grau, Romantik gegen Tristesse: Kunst wirkt als visuelle Schubumkehr, wenn um jeden dieser Schaltkästen herum Rohre in Signalfarben von Orangerot bis Giftgrün scheinbar aus dem Boden emporschießen, sich zu turbulenter Arabeske verknoten oder den Schaltkasten als Rankenwerk überwuchern.

Vor allem thront auf jeder metallenen Ranke eine Milchglaskugel als Symbol für den Mond. Rehberger zaubert den Mondschein in die Straßen und Plätze rund um den Hauptbahnhof. Jedes Objekt trägt den Namen einer Stadt von Tschernobyl bis Kyoto, Taormina oder Wanne-Eickel. Wenn an einem dieser Orte der Mond aufgeht, leuchtet auch die Kugel auf dem Objekt. Rehberger lässt Lichter leuchten, wo es sonst nur dunkle Ecken gibt. Und er inszeniert das Fernweh dort, wo Züge und Busse ankommen und abfahren.

Rehberger lädt Menschen so zum Träumen ein. Münster träumt mit seinem Projekt den Traum von einem Stadtraum, der mit Kunst zu einem lichten Areal wird. Dahinter stehen gar nicht verträumte Traditionen und Interessen. Das Projekt „The Moon in Alabama“ weckt Erwartung und Vorfreude auf die fünfte Ausgabe der „Skulptur Projekte“, die 2017 wieder starten werden. Rehberger hatte an der dritten Ausgabe der „Skulptur Projekte“ 1997 teilgenommen und dabei das Dach des zentralen Hörsaalgebäudes der Universität als Bar und Lounge neu inszeniert.

Mit seinem aktuellen Projekt erfüllt er einen Auftrag der „Immobilien- und Standortgemeinschaft (ISG) Bahnhofsviertel Münster e.V.“. Die ISG hatte 2009 bereits die Bahnhofstraße mit einer Allee aus leuchtenden Stelen als „Lichtboulevard“ inszenieren lassen. Nun kommen Rehbergers Monde hinzu – als Ausstattungselemente für ein Problemviertel, in dem Geschäftsleute und Hausbesitzer die Kunst als „weichen Standortfaktor“ für den Werterhalt ihrer Immobilien strategisch einsetzen. Immerhin 500000 Euro hat das Projekt gekostet, Symposium und Werbung inklusive. Die Hälfte des Etats kommt von der IGS. Stadt, Land und weitere Sponsoren bestreiten den Rest des Budgets.

Rehberger platziert seine Kunst also auf dem Kreuzungspunkt jener Interessen und Einflussnahmen, die ästhetische Valeurs umgehend als Investment oder Quartiersentwicklung in Anschlag bringen. Der Mond geht hier nicht im entrückten Reich der Kunst auf, sondern bescheint mit seinem immer wieder poetisch verklärten Silberglanz die Alltagswelt rauer Wirklichkeiten. Darin liegt kein Widerspruch, eher ein Plädoyer für Ehrlichkeit. Rehbergers Objekte machen die verborgenen Leitungssysteme ebenso sichtbar wie das ganze „Alabama“-Projekt die Absichten, die Politiker, Finanz- und Wirtschaftsleute mit der Kunst verbinden. Kunst ist so kein bloßer Schein purer Schönheit, sondern ein Vernetzungsphänomen, das problemlos bei Architektur, Stadtplanung oder Design andockt.

Und dennoch zitiert Rehberger mit dem romantischen Zentralmotiv des Mondes genau jene Vorstellungen von entrückter Selbstvergessenheit und zweckfreier Schönheit, die der Kunst immer wieder zugeschrieben worden sind. Der Frankfurter Objektkünstler spielt mit diesen Traditionen wie mit einer fernen Erinnerung – und holt sie gerade mit dem spielerisch gemeinten Zitat wieder in eine Gegenwart, die Kunst kühl als Standortfaktor verbucht. Rehbergers Rohrranken funktionieren selbst als Verweise. Sie zitieren die Architektur des Pariser Centre Pompidou mit seinen nach außen gekehrten Versorgungsleitungen und Rolltreppenröhren. Sie verweisen auf die Optik der weichen Bildgegenstände Salvador Dalís oder die farbig schraffierten Stelen, mit denen Daniel Buren vor Jahren Plätze gestaltete.

Rehbergers Münsteraner Mondfahrten verzaubern mit ihrem postmodernen Charme eine Stadt, in der einst erbittert über Kunst im öffentlichen Raum gestritten wurde. Die „Skulptur-Projekte“ haben dafür gesorgt, dass Objekte wie Claes Oldenburgs „Giant Pool Balls“ am Aasee längst zu Imageträgern einer ganzen Stadt avanciert sind. Schon am Tag der Eröffnung hatte ein Münsteraner am Rohrgestänge von Rehbergers „Alabama“-Objekt sein Fahrrad angekettet. So unaufgeregt pragmatisch reagiert Westfalen inzwischen auf aktuelle Kunst.

Münster, Bahnhofsviertel: Tobias Rehberger. The Moon in Alabama. Alle Objekte sind öffentlich zugänglich. Info: www.muenster-artandpublic.com


Tobias Rehberger

Der Frankfurter Bildhauer und Objektkünstler Tobias Rehberger operiert mit seinen Installationen, Interventionen und Objekten auf der Grenze von Kunst, Architektur und Design. Der 1966 geborene und an der Frankfurter Städel-Schule ausgebildete Künstler macht immer wieder mit großen Raumprojekten auf sich aufmerksam. So entwarf er für das Projekt „Emscherkunst“ 2011 „Slinky Springs to Fame“, eine aus 496 Teilen konstruierte Brücke über den Rhein-Herne-Kanal.

2009 gestaltete er die Cafeteria im zentralen Pavillon der Biennale von Venedig, die sein Projekt prompt mit dem Goldenen Löwen auszeichnete. Rehberger hat an den Münsteraner Skulptur-Projekten teilgenommen, bei der „Manifesta“ und der Berlin Biennale ausgestellt. Er sorgte auch mit Beiträgen für die Expo 2000 in Hannover und im Berliner Reichstag für Aufsehen.

Rehbergers Projekte entstehen mithilfe von bis zu 25 Assistenten sowie Projektplanern. Der vielfach ausgezeichnete Künstler hat seit 2001 eine Professur an der Städel-Schule inne, deren Prorektor er derzeit ist.

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