Leoš Janáceks Bauerntragödie Starkes Stück: „Jenufa“ am Essener Aalto-Theater

Hoffen auf göttlichen Beistand: Sandra Janušaite in der Titelrolle der Oper „Jenufa“. Foto: Bettina StößHoffen auf göttlichen Beistand: Sandra Janušaite in der Titelrolle der Oper „Jenufa“. Foto: Bettina Stöß

Essen. Ist das der Weg in die Zukunft? Immer häufiger tauchen, ob in Köln, Düsseldorf oder jetzt in Essen, unter dem Namen des meist prominenten Regisseurs Hinweise auf eine „szenische Einstudierung“ durch weit weniger bekannte Kräfte auf. In Essens letzter Opern-Premiere der Saison, Leoš Janáceks Bauerntragödie „Jenufa“, wird ein mittlerweile 15 Jahre altes Konzept von Robert Carsen von Maria Lamont „betreut“.

Der Regisseur existiert nur noch als fiktiver Ideenstifter und lässt sich selbst beim Schlussapplaus von seiner jungen Assistentin vertreten. Nichts gegen Carsens plausibles Konzept, nichts gegen die Begabung seiner Mitarbeiterin, nichts gegen die mittlerweile übliche Übernahmepraxis guter Produktionen. Doch sind die Detailgenauigkeit, die spezifische persönliche Handschrift und der Schliff einer Inszenierung „aus erster Hand“ unter solchen Umständen noch gewährleistet?

Vor allem im ersten Akt der Essener Janácek-Produktion darf man daran zweifeln. Die präzise, geradezu individuelle Führung der Choristen, die die Vorurteile und auch sexuelle Gier der Dorfbevölkerung in der Gent/Antwerpener „Urfassung“ deutlich machte, geriet in Essen erheblich unschärfer und pauschaler. Auch die Mischung aus ländlicher Unschuld und ungewollter erotischer Faszination, mit der Jenufa die Dorfgemeinschaft irritiert, ist einem erheblich schlichteren Rollen- und Frauenbild gewichen.

Die psychischen Kämpfe und Katastrophen der beiden folgenden Akte wirken in ihrer überwältigenden musikalischen Eindringlichkeit freilich so unmittelbar und packend, dass sie mit einer geeigneten Besetzung kaum noch einer besonderen szenischen Nachhilfe bedürfen. Und an Einsatz und stimmlicher Qualität mangelt es den weiblichen Stützen der Essener Sänger-Crew nicht. Da ist Katrin Kapplusch hervorzuheben, eine relativ jung wirkende Küsterin auf der Höhe ihrer stimmlichen Möglichkeiten, die trotz expressiver Intensität die Gesangslinien bewahrt und die dramatischen Exzesse ohne unfreiwillige Schärfen bewältigt. Die Widersprüche dieser komplexen Figur zwischen tiefer Religiosität und emotionaler Kälte, zwischen Mutterliebe und panischer Angst vor der gesellschaftlichen Schande, die sie zur Kindsmörderin mutieren lässt, stellt sie so überzeugend dar, dass sich auch im Zuschauer eine kaum zu bändigende Gefühlsmischung aus Mitleid und Abscheu einstellt.

Sandra Janušaite präsentiert sich als Jenufa mit einem klaren, recht einfachen und dennoch anrührenden Rollenbild. Ein unglückliches Bauernmädchen, das sich in den Falschen verliebt, von ihm geschwängert und verlassen wird und Zuflucht bei ihrer ungeliebten Stiefmutter sucht, die sie gleichsam behütet und drangsaliert. Die aber auch zum letzten Mittel greift, um den Ruf der zerstörten Familie zu retten: nämlich zum Mord an der „Frucht der Schande“. In ihrer finalen Versöhnungsgeste zeigt die Sängerin menschliche Größe. Und die ganzen Tragödien, die dieses junge Leben durchleiden muss, füllt Sandra Janušaite stimmlich mit ihrem runden, leuchtenden Sopran rollendeckend aus. Zu den Stärken der Besetzung zählt auch der liebevolle Laca von Jeffrey Dowd, der stärkere tenorale Präsenz ausstrahlt als sein in den Höhen recht eingeschnürt klingender, moralisch schwacher Rivale Stewa von Alexey Sayapin.

Nach einem etwas matten ersten Akt lässt auch GMD Tomáš Netopil am Pult der vorzüglichen Essener Philharmoniker die Qualitäten der genialen Partitur aufklingen und meistert die psychischen Fieberkurven zwischen sanfter Wärme und drastischer Brutalität mit gebotener Deutlichkeit. Eingebunden ist das Drama bei Carsen/Lamont in ein abstraktes bäuerliches Milieu ohne jeden aktualisierenden Ansatz. Man spielt auf einer Erdschicht, mobile Versatzstücke werden vom Chor zu Mauern und Stuben gefügt und wieder demontiert. Meist vergitterte Fenster, die wie Kerker der gequälten Seelen wirken (Ausstattung: Patrick Kinmonth). Für Übernahmeproduktionen ein praktikables Verfahren.Viel Beifall für ein starkes Stück mit einer nicht durchgängig überzeugenden Umsetzung und einer fragwürdigen Übernahmepraxis.

Die nächsten Aufführungen im Aalto-Theater Essen: 30. Mai sowie am 1., 8., 10., 12., 14. und 19. Juni Kartentelefon: 0201/8122-200; www.aalto-theater.de.


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