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20.05.2014, 06:00 Uhr KOLUMNE

Die Grenzgänge der zeitgenössischen Kunst

Von Dr. Stefan Lüddemann


Nur eine Sache für Experten? Auf keinen Fall. Zeitgenössische Kunst zieht viele Menschen an - zum Beispiel Eva & Adele auf der Documenta 13 2012 in Kassel. Foto: Gert WestdörpNur eine Sache für Experten? Auf keinen Fall. Zeitgenössische Kunst zieht viele Menschen an - zum Beispiel Eva & Adele auf der Documenta 13 2012 in Kassel. Foto: Gert Westdörp

Osnabrück. In der Kunsthalle Osnabrück wird ab dem 5. Juni diskutiert - über aktuelle Kunst. Drei Fragen schließen ein Terrain neuer Erfahrungen und Einsichten auf.

Zeitgenössische Kunst gibt Rätsel auf. Ihre Offenheit und Unerwartbarkeit irritiert. Zugleich liegt darin eine Chance: Aktuelle Kunst öffnet sich dem, der eigener Wahrnehmung und seinem unabhängigen Urteil vertraut. Kunst ist nur etwas für Experten - so lautet ein gängiges Vorurteil. Dabei lädt Kunst zu einer Reise ein, zu einer Reise in ein offenes Feld der Wahrnehmung und der Reflexion.

Die Gesprächsreihe „Drei Fragen an Julia Draganovic“ lädt zu dieser Reise ein - mit einem offenen Diskurs, der sich den grundsätzlichen Fragen des Umgangs mit aktueller Kunst stellt. Die Fragen „Wo sind die Orte der Kunst?“, „Wer ist der Autor der Kunst?“ und „Wo beginnt die Kunst?“ bezeichnen die zentralen Themen der Beschäftigung mit Kunst. Dabei geht es um die Frage nach dem Künstler, nach den Kontexten der Kunst und schließlich nach der grundsätzlichsten aller Fragen: Was ist eigentlich Kunst?

Die einzelnen Diskussionen bestreiten Dr. Julia Draganovic, Leiterin der Kunsthalle Osnabrück, Dr. Stefan Lüddemann, NOZ Medien, und jeweils ein Gast. Die drei Diskutanten verstehen ihr Gespräch weder als Podiumsdiskussion noch als Expertenhearing, sondern als einen offenen Diskurs. Damit ist mehr gemeint als eine modische Konzession. Es geht darum, einen Gesprächsstil zu finden, der dem Gegenstand gerecht wird, um den es gehen soll - die offene Kunst der Gegenwart.

Was ist mit der Offenheit der aktuellen Kunst gemeint? Zeitgenössische Kunst enttäuscht landläufige Erwartungen an das, was Kunst ist. Sie bietet sich oft nicht als traditionelles Werk dar, sondern als Projekt, Intervention, Dienstleistung, sie dementiert die Grenzen von Kunst und Nicht-Kunst, sie thematisiert ihre Kontexte, sie verdankt sich der Produktion von Akteuren, die ihre Rollen als Künstler, Kuratoren und Kritiker kombinieren und tauschen. Damit sind nur einige der Themen genannt, die zeitgenössische Kunst zu dem machen, was sie heute ist - zu einem Phänomen mit offenen Grenzen.

Die eben aufgeführte Liste offener Fragen rund um zeitgenössische Kunst mag zunächst ernüchternd wirken. In Wirklichkeit steckt in den genannten Themen eine nachhaltige Ermutigung. Zeitgenössische Kunst ermutigt dazu, in der Kunst eine Option für immer neue Entdeckungen zu sehen. Die wichtigste Option betrifft den Rezipienten. Er kann im Kontakt mit der Gegenwartskunst seinen Erfahrungsraum immens vergrößern. Dazu bedarf es nur der Bereitschaft, die eigene Wahrnehmung zu schärfen und zu eigener Reflexion überzugehen. Natürlich gibt es Experten der Kunst. Aber eigentlich fordert Gegenwartskunst den mündigen Betrachter, also jenen Betrachter, der keine Expertenurteile übernimmt, sondern sich selbst auf seine eigene Reise zur Kunst macht.

Das Diskussionsformat „Drei Fragen an Julia Draganovic“ lädt zu dieser Reise ein, indem sie hilft, das Terrain der Kunst und die Wege, die durch dieses Terrain führen, zu bezeichnen. Damit eröffnet sie auch die neue Ära der Kunsthalle Osnabrück, die mit Julia Draganovic begonnen hat. Denn ihr Programm wird ausloten, was zeitgenössische Kunst so spannend macht - ihre Lust an der permanenten Grenzüberschreitung.


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