Wahrnehmung und Wirklichkeit EMAF-Ausstellung: Welche Objekte sind die besten?


Osnabrück. Sie ist witzig, ironisch, kritisch – die Medienkunst zum Thema Überwachung. Das European Media Art Festival zeigt 40 Positionen noch bis zum 25. Mai. Aber welche Arbeiten lohnen besonders? Hier vier Favoriten.

Von Ralf Döring und Stefan Lüddemann

Hito Steyerl: „How Not To Be Seen“: Keine Lust auf Burka? Keine Sorge: Die Überwachung verändert auch das . In Hito Steyerls Video ist nämlich jedes Mittel recht, das dazu dient, der Überwachung ein Schnippchen zu schlagen. Die in Berlin lebende Künstlerin Hito Steyerl buchstabiert in ihrem Video die Möglichkeiten durch, die all jenen bleiben, die „not to be seen“, nicht gesehen werden wollen. Die grüne Bildschirm-Burka ist eine Option, der Pixel-Karton auf dem Kopf eine andere. Oder warum nicht gleich zum Schemen werden, der durch Shopping Malls huscht? Auch das inszeniert Hito Steyerl in ihrem Film, einem der unbestreitbaren Höhepunkte der Ausstellung . Die traurige Ironie: Keines dieser Rezepte funktioniert. Das weiß auch die Künstlerin. Ihr Video ist ein einziges Dokument faktischer Wehrlosigkeit. Die bittere Pointe: Wer der Überwachung entgehen will, muss seine Sichtbarkeit verringern – und auf Individualität verzichten. Oder sie so einkapseln, dass sie niemand bemerkt. Eine triste Utopie, von Hito Steyerl in berückend schöne Bilder gesetzt. lü

Frank Thiel: „NSA Field Station“: Ein Etagenskelett, drei, vier fast kreisrunde Kuppeln: Das marode Gebäude könnte eine Sternwarte gewesen sein oder ein Hundertwasser-Bau. Doch Frank Thiel hat eine ehemalige Überwachungsstation des amerikanischen Geheimdienstes NSA in Berlin fotografiert. Der morbide Charme seiner Fotografie kontrastiert eigentümlich mit dem ehemaligen Zweck des Gebäudes – andere auszuspähen, ohne selbst in das Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken. Überwachung verdankt sich der ungleichen Verteilung des Sehens und Gesehenwerdens. Diesem stillen Gesetz folgen alle Architekturen der Überwacher, die Thiel ins Bild setzt. Vermeintlich neutrale Funktionsarchitektur mit glatter Außenhaut verrät sich als ideologisch imprägniert. Genau diesen Kontrast bringt Frank Thiel mit seiner kühlen Foto-Ästhetik ins Bild. Die eigentliche Funktion dieser Architektur besteht darin, gegen Blicke abzuschirmen, was in ihrem Innern passiert. Das macht Thiel hervorragend sichtbar. lü

Gregor Kuschmirz: „The Shy Camera“: Überwachung empfinden wir – völlig zu Recht – als Geißel des 21. Jahrhunderts . Andererseits drängen wir doch auf jeden Bildschirm, der sich uns anbietet, gerade im gesicherten Kunstraum. Nur: „The Shy Camera“ verweigert sich, unterläuft die Überwachung ebenso wie unsere Lust an der Bildschirmpräsenz. Nähert man sich der Kamera, dreht sie sich verschreckt weg, kommt man ihr irgendwie zuvor, verfällt sie in schamhafte Agonie; allerdings färben sich dann nicht die Wangen rot, sondern der Bildschirm schwarz. Das fordert den Betrachter geradezu heraus, veitstänzerisch im Kreis um zu hüpfen, um Gregor Kuschmirz’ Kamera so zu überlisten, dass man es doch ins Bild schafft. Diese lakonische Ironie korrespondiert übrigens wunderbar mit Franz Reimers „Situation Room“: Der Nachbau des Raumes aus dem Weißen Haus wird ebenfalls erst durch die Interaktion des Betrachters zum vollständigen Kunstwerk – wenn der Betrachter Platz nimmt, um sowohl physisch als auch via Video Teil des Raumes zu werden. dö

Alexander Repp: „fake account“. So poetisch können Datenströme sein: Das zeigt der junge Künstler Alexander Repp in seinem Bild „fake account“. Die Twitter-Resonanz auf eine Falschmeldung nach dem Bombenanschlag beim Boston Marathon hat Repp in Punkte und Linien übersetzt – auf der Suche nach einer Semantik des Internets , wie er sagt. Ob ihm das gelingt, sei mal dahingestellt; daran ändert auch sein weitschweifiger Erklärungsansatz wenig. Doch der große Vorteil dieser Arbeit ist: Das Zusammenspiel von farbigen Linien und hellen Kulminationspunkten funktioniert zunächst einmal auch ohne Hintergrundinformationen allein über die Optik. Dass hinter der ästhetischen Bildsprache freilich das Wort „Kill“, also Töten, steht, offenbart, auf welch düsterem Grund die ästhetische Umsetzung steht.dö


Kunsthalle Osnabrück: EMAF-Ausstellung „We, the Enemy“. Bis 25. Mai. Di. 13–18 Uhr, Mi.–Fr. 11–18 Uhr, Sa., So. 10–18 Uhr.

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