Die vergessene Generation Roman „Jahrgang 1902“ ist eine Abrechnung mit den Eltern

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Osnabrück. „Um uns Jungen kümmerte man sich kaum. Wir hatten uns mit dem Krieg abzufinden, wie er gerade war. Vorher mussten wir jubeln, jetzt sollten wir traurig sein.“ Das stellt Ernst Glaesers etwa 13-jähriger Protagonist Ende 1915 fest. Sein Roman „Jahrgang 1902“ gerät mit dem Erscheinen 1928 zur Abrechnung mit den Eltern.

Glaesers Buch unterscheidet sich stark von den Werken anderer Autoren, die den Ersten Weltkrieg thematisieren. Während sich „Im Westen nichts Neues“ von Erich Maria Remarque, Ludwig Renns „Krieg“ oder „Heeresbericht“ von Edlef Köppen vor allem in den Schützengräben Europas abspielen, hat Glaesers Protagonist nie ein Gefecht selbst miterlebt – schließlich ist er bei Kriegsausbruch erst zwölf Jahre alt.

Glaeser schreibt aus der „Ich“-Perspektive. Zudem heißt der Protagonist Ernst, und auch sein Vater ist Amtsgerichtsdirektor, daher liegt die Vermutung nahe, dass das Buch autobiografisch angelegt ist. Mit Beginn des zweiten Teils des Buchs stellt Glaeser dann klar: „Es wäre mir leicht gewesen, einen ,Roman‘ zu schreiben. Ich habe mit diesem Buch nicht die Absicht zu ‚dichten‘. Ich will die Wahrheit, selbst wenn sie fragmentarisch ist wie dieser Bericht.“

Und genau das machte „Jahrgang 1902“ so erfolgreich. Durch seinen gewollt nüchternen und berichtenden Stil spiegelte er die Gefühle einer vom Krieg desillusionierten Generation wider. Der Jahrgang 1902 identifiziert sich mit diesem Buch, hat vielleicht ähnliche Erfahrungen gemacht wie der Autor. Das Buch wurde auf Anhieb zum Bestseller: „Als einer der meistverkauften Titel erreicht der Roman bereits Ende 1929 eine Gesamtauflage von 200000 Exemplaren und wird in der Folge in mehr als 20 Sprachen übersetzt“, schreibt Herausgeber Christian Klein in seinem Nachwort.

Zu Beginn des Romans schildert Glaeser recht deutlich die Unterschiede, die zwischen den verschiedenen Gesellschaftsschichten, Glaubensrichtungen und politischen Strömungen im Kaiserreich bestehen. Stellvertretend übernehmen diese Rollen Ernsts Freunde Ferd (Sohn des roten Majors, eines freidenkerischen Adeligen), Leo (der einzige Juden in seiner Klasse) und der Arbeitersohn August (sein Vater wird später wegen Streikaufrufs verhaftet).

Durch den Krieg scheinen diese Grenzen und Gegensätze zu verschmelzen und die Gesellschaft zu einen: Seite an Seite gegen den äußeren Feind. Doch je weiter der Krieg voranschreitet, desto deutlicher treten die Risse wieder hervor – nun noch deutlicher und sogar innerhalb der Familien, in denen sich Geschwister aus Hunger gegenseitig das Brot stehlen.

Glaeser zeigt, dass sich Krieg eben nicht nur an der Front abgespielt, sondern auch in der Heimat seine Spuren hinterlässt. Die Jugendlichen erlebten ganz bewusst die Konsequenzen wie Hunger und Elend, das Hoffen und Bangen um die Väter, ohne je selbst Einfluss nehmen zu können. So wird der Satz „Der Krieg gehört den Erwachsenen, wir liefen nur sehr einsam dazwischen herum“, zur zentralen Erkenntnis des Buches.

Der Krieg, den die Alten anzetteln und sich zuvor sehnlichst gewünscht hatten „nach der langen faulen Zeit des Friedens“, zerstörte nicht nur ihr eigenes Leben, sondern auch jede Hoffnung auf die Zukunft der Jungen.

Dass dieses lesenswerte Buch trotzdem in Vergessenheit geriet, hängt möglicherweise mit dem ambivalenten Verhältnis des Autors zum Nationalsozialismus zusammen. Seine Bücher wurden 1933 verbrannt, und doch kehrte er 1939 aus der Emigration zurück und arbeitete für eine Wehrmachtszeitung.

Ernst Glaeser: Jahrgang 1902. 390 Seiten. Wallstein Verlag, mit einem Nachwort von Herausgeber Christian Klein. 22,90 Euro.


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