Künstler gestaltet auch Kunsthalle Osnabrück Bielfeld zeigt Michael Beutler


Bielefeld. Ab September ist er in der Osnabrücker Kunsthalle zu sehen: Michael Beutler. Doch wie arbeitet der Künstler? Bielefeld und Krefeld geben einen Vorgeschmack.

Es gibt ein Vestibül, einen Wohnraum, ein TV-Zimmer, Küche und Vorratskammer. So weit wirkt das „Haus Beutler“, so der Titel der Ausstellung im Bielefelder Kunstverein , überraschend konventionell. Im Vestibül klemmt allerdings ein riesiger, rissiger Papierlampion wie ein Rieseninsekt in der Windung des Treppenhauses. Im Wohnzimmer sprengt ein auf Styroporpontons schwimmender Holzpavillon den Raum. Die Vorratskammer beherbergt kurzerhand fast das gesamte Werk des Bildhauers – als Ansammlung von Miniaturmodellen. Dazu gibt es Wände aus Wellpappmodulen, seltsame Maschinen, Stellagen für Materialreste. Was ist das? Ausstellung, Werkstatt, Depot, Katalog?

Die Antwort: Das ist dies alles zusammen. Michael Beutler konfrontiert den Besucher im Bielefelder Kunstverein in jedem Raum mit einem Überraschungsgast. So wirken seine an Ort und Stelle aus überraschend einfachen Materialien gefertigten Skulpturen, die selbst so wirken wie die ganze Ausstellung – nämlich wie eine Kombination aus lauter Grenzüberschreitungen.

Michael Beutler baut seine Plastiken wie Architekturen. Er baut in spielerischen Reaktionen auf die vorgefundenen Räume Wände aus Papier und Pappe ein, die mit ihren großen Farbflächen zugleich an abstrakte Gemälde erinnern. Und er besetzt obendrein noch den Innenhof mit einem Pavillon, den er aus schneeweißen Fertigmodulen wie eine prickelnd exotische Pagode als temporären Treffpunkt und Aufführungsort für Konzerte konstruiert. Beutler kombiniert in jedem seiner Werke die Kunstgattungen – und in seiner Ausstellung die Präsentation mit Werkstatt und Depot.

Damit legt er seinen Produktionsprozess offen, präsentiert neben den fertigen Skulpturen auch noch den Fluss seiner Ideen. Dazu kommen Materialien und jene Maschinen, die er für den Herstellungsprozess seiner Kunst auch noch vor Ort entwickelt. Kritiker haben da schon spöttisch von „Baumarktkunst“ gesprochen. Das klingt hübsch ironisch, verkennt aber die Provokation einer Kunst, die mit den gängigen Parametern ihres Betriebes bricht. Beutler hinterlässt kaum Werke, er setzt auf offene Prozesse und Recycling. Seine Kunst ist low budget – gerade im Kontrast zur teuren Sammlerkunst.

Warum reißen sich die Ausstellungshäuser dennoch gerade um diesen Künstler? Weil seine Kunst ihre Gestalt an jedem Ort neu erfindet. Weil Beutlers Plastiken Räume überraschend anders interpretieren. Und vor allem, weil diese Kunst den Zustand der Gegenwartskunst selbst erstaunlich komplett repräsentiert. Denn Beutler führt Kunst als Praxis vor, die unablässig ihre Richtung verändert und ihre Nachbarbereiche wie Architektur, Design, Sozialprojekt infiltriert. Diese Kunst hat keinen harten Begriffskern, sie umkreist ein offenes Feld der Prozesse. So funktioniert heute Gegenwartskunst.

Michael Beutlers Prinzip bewährt sich auch dann, wenn der Künstler keinen Solo-Auftritt hat. Im Rotterdamer Ausstellungshaus Witte de With baute Beutler eine Ausstellungsarchitektur und beteiligte sich damit an der Gruppenausstellung. Im Krefelder Museum Haus Lange Haus Esters, zwei Bauhaus-Villen von Ludwig Mies van der Rohe, besetzt der Künstler nun zwei Räume in einer Gruppenausstellung, die der Verwendung unterschiedlicher Materialen in der aktuellen Kunst nachspürt. Beutler möbliert die ehemaligen Wohnräume der Krefelder Fabrikantenfamilie mit Skulpturen, die er aus gefalteten Leinwänden wie Möbel formt. Das Kunstobjekt wirkt nun wie ein Kommentar auf bürgerliche Wohnkultur. Dazu gibt es Stellagen, in denen Leinwandrollen lagern, und die Maschine, mit der Beutler die Leinwände faltete. Sein Ausstellungsbeitrag reflektiert einen ganzen Produktionsprozess – typisch Michael Beutler.

Bielefeld, Kunstverein: Haus Beutler. Bis 27. Juli. Do., Fr. 15–19 Uhr, Sa., So. 12–19 Uhr. www.bielefelder-kunstverein.de ; Krefeld, Haus Lange Haus Esters: Living in the material world. Bis 10. August. Di.–So. 11–17 Uhr. wwwkunstmuseenkrefeld.de


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN