125 Jahre Künstlerkolonie Ausstellung zerstört den Mythos Worpswede

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Worpswede. Ein Kunstidyll in der NS-Zeit: Worpswede feiert den 125. Geburtstag der Künstlerkolonie mit einer selbstkritischen Ausstellung

Enttäuscht und zornig zerschneidet Fritz Mackensen sein Riesenbild „Drei Generationen“. 1938 will der Maler mit dem Porträt einer kernigen Bauernfamilie vor Scheunentor bei der Ausstellung „Die gesunde deutsche Familie“ punkten, die die Reichskulturkammer veranstaltet. Doch die Nazis winken ab. Zu wenig Kinder auf dem Bild, keine Uniformträger, kaum Heroismus: So lauten die Argumente für die Ablehnung.

Dabei tönte Mackensen: „Im Blut und Boden liegt der Nährwert wirklicher Kunst.“ Und dann das – ein Kunstdesaster für das bekennende NSDAP-Mitglied. Mackensen zerschneidet sein Bild und verkauft die Fragmente als einzelne Genreporträts.

Der Fall wirft ein Schlaglicht auf das Worpswede jenseits des Bildes der heilen, von keinerlei Zeitläuften angekränkelten Kunstidylle. Aus der Motivwelt von Birke und Bauer, Torfkahn und weiten Wiesen erwächst linientreue NS-Kunst: Mit dieser These überrascht die Ausstellung, die sich Worpswede zum 125. Geburtstag der Künstlerkolonie ausrichtet.

Mit dem Barkenhoff, dem ehemaligen Domizil von Heinrich Vogeler, dem Haus im Schluh, das seine Frau Martha bewohnte, der Großen Kunstschau und der Kunsthalle rüsten die vier großen Worpsweder Ausstellungshäuser zu einer Sommerausstellung, die den Schleier eines falschen Zaubers von dem Künstlerort reißt. Worpswede schien lange Zeit wie eine Kunstkapsel luftdicht gegen alle Wechselfälle der Geschichte abgedichtet zu sein. Jetzt öffnen die Kuratoren Katharina Groth und Björn Herrmann weit die Fenster und lassen den rauen Zugwind der Zeitgeschichte durch das Kreativ-Idyll bei Bremen wehen.

Ein Wagnis? Allerdings, denn nichts begründet den Zauber Worpswedes so sehr wie die über Jahrzehnte sorgfältig kultivierte Illusion, die Kunst hätte diesen Ort in ein Refugium konfliktfreier Lust am Schönen verwandelt. Freundliche Feier einer Symbiose von Kultur und Natur – auf dieser Basis gedeiht der kulturtouristische Erfolg des Ortes.

Jetzt spüren die Kuratoren den Bruchkanten in diesem Konstrukt nach. Sie zeigen die Geschichte des Künstlerortes anhand von vier einschneidenden Jahresdaten. 1889: Das Haus im Schluh versammelt programmatische Landschaftsbilder der Gründergeneration der Künstlerkolonie. Vogelers „Am Heiderand“ verwandelt die Moorlandschaft in ein Märchenreich mit Ritter, Fritz Overbecks „In den Wiesen II“ feiert die Landschaft mit ihrem weiten Himmel. 1897: Der Barkenhoff inszeniert den selbstbewussten Weg in die künstlerische Moderne, den Paula Modersohn-Becker mit ihren Darstellungen von Mutter und Kind einschlägt.

1918: Am Ende des Ersten Weltkrieges zerbrechen die Worpsweder Künstlerkarrieren. Die Große Kunstschau versammelt mit Vogeler, Mackensen und Bernhard Hoetger drei exemplarische Reaktionen der Künstler auf die Zeitgeschichte. Hier hängen Mackensens Bauernporträts, die nun zum ersten Mal seit 1945 öffentlich gezeigt werden. Hier ist auch Vogelers „Sommerabend“ von 1905 zu sehen, jenes Bild, das mit dem Gruppenporträt der Künstlerfreunde auf der Terrasse des Barkenhoffs auch das Bild Worpswedes als entrücktes Kunstelysium im Moor geprägt hat.

Doch erst hinter der Jahreszahl 1945 verbirgt sich die eigentliche Sensation des Parcours. Die Kuratoren zeigen hier jene Worpsweder Moderne der Zwanzigerjahre, die die Nazis unterdrückten, und schließlich den Neubeginn von Künstlern, die nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges mit abstrakten Bildern den Motivkanon der Gründerväter der Kolonie heftig dementierten. Hier finden sich viele Bilder, die lange im Depot schlummerten oder aus Privatbesitz entliehen wurden. Und hier prallen auch gegensätzliche Positionen der Kunst heftig aufeinander. 1931 malt Willy Dammasch die Worpsweder Landschaft als expressiv zerwühlte Motivmasse in flammendem Rot statt mit dem Weiß der Birken. Und 1935 malt Jürgen Bertelsmann Männer des Arbeitsdienstes bei der Moorkolonisation.

Oben ziehen noch Worpsweder Wolken durch das reine Blau, doch darunter schuften blonde Kämpfer mit blankem Oberkörper. Landschaftsromantik als gemalte Kulisse für den Rassekult – was für ein Kontrast. Die Ausstellungsregie kehrt die lange Zeit versteckte Kehrseite des Kunstidylls nach außen. Darin liegt das Verdienst der Schau.

Die „Zeitschleusen“, Einbauten mit historischen Fotos und Epochenschlagworten, die historische Kontexte sichtbar machen sollen, fallen mit beliebig erscheinendem Datendropping dagegen ab. Dennoch: Worpswede stellt den eigenen Mythos zur Diskussion – mit Bildern, die lange im Verborgenen schlummerten.

Worpswede, Barkenhoff, Haus im Schluh, Große Kunstschau, Kunsthalle: Mythos und Moderne. 125 Jahre Künstlerkolonie Worpswede. 11. Mai bis 14. September. Mo.–So., 10–18 Uhr. Info: www.worpswede-museen.de, www.worpswede-2014.de


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