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07.05.2014, 18:43 Uhr KOLUMNE

Kunst als Lockerungsübung für die Sinne

Von Dr. Stefan Lüddemann



Düsseldorf. Wie funktioniert Kunst? Als Reise in die unbefangene Erfahrung. Wie das geht, führt Kunststar Olafur Eliasson vor - auf seiner Kunst-App.

„Your exhibition guide“, „Dein Ausstellungsführer“ nennt der dänisch-isländische Künstler ein ungewöhnliches Format der Kunstvermittlung. Parallel zur Präsentation seiner Licht-Raum-Installation „Your museum primer“ in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf hat der Installationskünstler eine App entwickelt, die kostenlos aus dem App-Store heruntergeladen werden kann. In kurzen Lektionen führt Eliasson in die Welt der Kunst. Aber wie? Eliasson vermittelt kein Faktenwissen in trockenen Stilbegriffen. Stattdessen lädt er zu kurzen Lockerungsübungen für Geist und Wahrnehmung ein.

Eliasson als Kunsttherapeut? Der Künstler, der mit seinem „Weather Project“ in der Londoner Tate Modern Millionen begeisterte, als Wahrnehmungs-Guru oder Meditationsmeister? Eliasson spielt geschickt mit diesem Image. Vor den kreiselnden, die Sinne sanft streichelnden Reflexionen seiner Düsseldorfer Lichtinstallation nimmt Eliasson wie ein freundlicher Lehrmeister Aufstellung und spricht sein Publikum mit verlockend einfachen Übungsanleitungen und Ratschlägen an. Den ironischen Unterton gibt es inklusive. Wie ernst meint der Künstler das, was er da lächelnd sagt? Diese leise Ungewissheit gehört zum geschickt aufgebauten Übungsprogramm.

Die wichtigste Botschaft: Du musst nichts von Kunst verstehen, aber Deiner Wahrnehmung, Deinen Gedanken und Fragen vertrauen. Eliasson dreht die gewohnte Sicht auf die Kunst einfach um. Statt über Stil-Ismen spricht er über „Zeit“, „Dein anderes Ich“, „Empathie“ oder „Nicht-Kunst“. Und verpackt in jeden seiner kurzen Kunstdiskurse eine befreiende Botschaft: Kunst muss kein einschüchterndes Gegenüber sein, sondern eine Aufforderung, vor allem sich selbst und seine Stellung in der Welt neu zu erfahren. So fordert Eliasson auf, im Ausstellungsraum Empathie neu zu lernen, oder sich vorzustellen, wie ein Asteorid durch eine Kunstausstellung zu schweben. Eliassons Rat: Nehmen Sie sich Zeit mit der Kunst, akzeptieren sie die Gefühle, die sie Ihnen bereitet. Und vor allem: Suchen Sie nicht nach der Kunst, entdecken Sie ihre Lebenswelt als Kunst.

Ist das der Freifahrtschein in das Reich der völligen Beliebigkeit? Nein. Eliasson macht auf beeindruckend sanfte Weise mit der aktuellen Kunst bekannt. Die lebt nicht aus Grenzziehungen rigider Definitionen, sondern aus den Freiheitsräumen ästhetischer Erfahrung und dem Prozess offener Diskurse. Eliassons Kunst-App ermutigt den oft ratlosen Kunstbetrachter, sich von Stereotypen zu emanzipieren, indem er falsche Ehrfurcht und Autoritätsgläubigkeit überwindet. Eliassons Botschaft: Verstehe Museen als Empfangszonen, betrachte Kunst als Zufallsprodukt, breche mit Sehgewohnheiten. Kunst fördert „Offenheit für Unbestimmtes“. So lautet die zentrale Botschaft des Künstlers. Indem er diese und andere Grundsätze mit ironischem Augenaufschlag vermittelt, formuliert Eliasson seine wichtigste Lehre indirekt. Die lautet: Vertraue nicht auf Botschaften, vertraue auf Dein eigenes Urteils- und Empfindungsvermögen - und auf die neu entdeckte Kunst!

„Your exhibition guide“ kann kostenlos im App Store oder von Google Play für die Betriebssysteme iOS und Android auf das Smartphone oder Tablet heruntergeladen werden.


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