Vom entsetzlichen Stumpfsinn des Krieges Zeitlos: Ludwig Renns „Krieg“

Deutsche Soldaten während der Marneschlacht im Ersten Weltkrieg. Foto: ImagoDeutsche Soldaten während der Marneschlacht im Ersten Weltkrieg. Foto: Imago

Osnabrück. Ludwig Renns Roman „Krieg“ gehört zu den Erlebnisberichten der Frontsoldaten, die neben Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“ zehn Jahre nach Ende des Ersten Weltkrieges erschienen. Er erzählt eine zeitlos beeindruckende Geschichte einer Erschöpfung und Verunsicherung.

In dem autobiografischen Roman „Krieg“ (1928) nimmt der Ich-Erzähler die unpolitische Haltung des jungen Gefreiten Ludwig Renn ein. Sein Bericht über die Erlebnisse im Ersten Weltkrieg an der Westfront beginnt 1914 mit „Hurra“-Geschrei und Blumen für die Truppe.

Der Soldat Ludwig Renn tritt als Mann ohne Vergangenheit auf. Nur am Anfang scheint in einem kurzen Brief der Mutter und einem winkenden Onkel am Straßenrand eine spärliche Verbindung zu seinem sozialen Umfeld durch. Von da an reißt diese auch für den Leser ab. Die Handlung konzentriert sich auf seine vier Jahre als Frontsoldat. Alles spielt sich im Kreise seiner Kompanie ab. Renn, der in seiner Truppe bald als „unverwundbar“ gilt, obgleich er schwer verwundet wird, macht Karriere bis zum Vize-Feldwebel.

Pflicht, Ehre, Feigheit – darum kreisen die Gedanken des jungen Soldaten. Er zieht in den Krieg, weil es ihm befohlen wurde. Politik interessiert ihn nicht. Den Krieg stellt er nicht infrage. „Weshalb muss man sich hassen, wenn man gegeneinander Krieg führt?“, fragt er noch in einer Mischung aus Naivität und Hochmut, als die Truppe durch das neutrale Belgien marschiert und von den Einheimischen mit hasserfüllten Gesichtern erwartet wird.

Vorrücken, scheitern, zurückziehen, vorrücken, unter schwerem Beschuss ausharren. Nahezu täglich reihenweise Verwundete, Tote in unmittelbarer Nähe, die selbst in ihrem Grab noch zusammengeschossen werden: Über mehrere Hundert Seiten ist der Roman das bedrückende Dokument eines zermürbenden Kampfes ohne Anfang und Ende.

Nachdenken über das eigene Handeln wird für Renn nur zum Thema, wenn er in der Kompanie mit jemandem spricht. Erst viel später im Zuge der Märzoffensive 1918, als es die ersten Auflösungserscheinungen in der Truppe gibt, blitzt eine Verunsicherung durch: „Aber mir wurde der Krieg immer verdächtiger.“ Doch auch auf diese Feststellung folgt keine weiterführende Reflexion. Die Entwicklung zu einem politischen Bewusstsein – Renn trat 1928 in die KPD ein – wird er erst 1930 im Roman „Nachkrieg“ thematisieren. Renns Kameraden und Vorgesetzte wirken – anders als in Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“ (1929) – zunächst wie Zufallsbekanntschaften. Man lernt sie in Dialogen kennen, wenig wird über ihre Herkunft verraten. Im Unterschied zu Remarque verzichtet der als Arnold Friedrich Vieth von Golßenau 1889 in Dresden geborene Renn auf literarische Kunstgriffe, Zeitsprünge, Anekdoten, um Atmosphäre zu schaffen und Charaktere stärker herauszubilden. Eine Stärke und Schwäche des Romans zugleich. Er verlässt sich ganz auf die Chronologie des Kriegsverlaufs – und damit auf die Wirkung der Beschreibung der Monotonie des gefährlichen Frontalltags.

Nachdem die Soldaten drei Wochen Tag und Nacht in Erdlöchern während der Aisne-Champagne-Schlacht ausharrten, sagt Leutnant Fabian zu Renn: „Ich habe mich gewundert, dass niemand einen Ton gesagt hat. Weißt du, dazu gehört schon eine furchtbare Gutmütigkeit – oder ein entsetzlicher Stumpfsinn.“ Der Mensch erfüllt hier seine Funktion als Kriegsinstrument – als Soldat und Kamerad. Er hat keine Vergangenheit und meist keine Zukunft. Was zählt, ist sein Handeln in der Gegenwart, danach wird er beurteilt, nur so wird ein Teil seines Charakters sichtbar. Der Gegner bleibt weitgehend gesichtslos, Empathie ist auf ein kaum noch erkennbares Minimum reduziert. Mit diesem Erzählstil liefert der Roman ein erschreckendes Zeugnis eines Teils des schweren Erbes des ersten industriellen Krieges.


Ludwig Renn: „Krieg“. Roman. Im Anhang: Theodor Heuss’ Essay „Zwei Kriegsbücher“ (1929). AufbauVerlag, 15 Euro.

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