Hermann Nöring, Alfred Rotert und Ralf Sausmikat im Gespräch „EMAF ist Festival für die ganze Stadt“

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In der Maske des digitalen Jedermann: Ralf Sausmikat, Alfred Rotert und Hermann Nöring (von links). Foto: Uwe LewandowskiIn der Maske des digitalen Jedermann: Ralf Sausmikat, Alfred Rotert und Hermann Nöring (von links). Foto: Uwe Lewandowski

dö/lü Osnabrück. Wie ist das European Media Art Festival 2014 gelaufen? Die Festivalleiter Alfred Rotert, Hermann Nöring und Ralf Sausmikat mit ihren Einschätzungen.

Osnabrück. Mehr Besucher und ein fulminantes Medienecho. Das European Media Art Festival (EMAF) 2014 hat bestens funktioniert und mit dem Thema Überwachung den richtigen Schwerpunkt gesetzt. Das sagen die Festivalleiter Hermann Nöring, Alfred Rotert und Ralf Sausmikat.

Wer ist eigentlich der Mann mit Bart, den das EMAF auf Plakaten, Flyern und dem Katalog zeigt?

Hermann Nöring: Das ist der deutsche Durchschnittsmann.

Auch der Durchschnittsfeind? Das Festivalmotto lautet „We, The Enemy“.

Hermann Nöring: Auch der Durchschnittsfeind. Aber Feinde sind wir ja alle.

Ralf Sausmikat: Das ist der Normalbürger, der zum Feind wird – durch die Umstände der digitalen Überwachung. Das gesellschaftliche System erzeugt totale Überwachung. Die Menschen nutzen allerdings auch die digitalen Wege und machen sich dadurch überwachbar.

2013 war das Thema „Mapping“. Damals leitete das EMAF Besucher per App durch die Stadt. So wurde das Internet offen genutzt. Jetzt ist das EMAF-WLAN geschlossen. Ein Wandel?

Hermann Nöring: Das drückt schon einen Wandel aus. Natürlich nutzen wir das Internet und digitale Medien. Es wäre absurd, zurück in die analoge Gesellschaft gehen zu wollen. Es geht dem Festival darum, für den Umgang mit der digitalen Welt zu sensibilisieren. Es ist zu überlegen, ob die problematischen Prozesse des Internets nicht eingehegt werden sollten. Damit könnten gefährliche Entwicklungen der Überwachung begrenzt werden.

Alfred Rotert: Auch wir Festivalmacher haben manche Dimensionen des Internets unterschätzt. Wir haben immer eher die positiven Seiten des Internets gesehen. Seit Edward Snowden ist viel offensichtlicher geworden, welche Gefahren im Netz lauern. Das Thema wollten wir in den Vordergrund stellen. Womöglich können wir auch Impulse dafür setzen, Gefahren des Internets zu begrenzen.

Ralf Sausmikat: Wir sind natürlich nie so naiv gewesen, das Internet nur als Einbahnstraße zu sehen. Natürlich gibt es Instanzen, an denen Daten abgezweigt werden können. Das Internet ist schließlich eine Erfindung des amerikanischen Militärs. Dafür ist es zunächst konzipiert worden. Wir haben schon vor Jahren das Thema „Transmitter“ gemacht. Damals klang das heutige Thema schon an.

Die Kunst soll in der Ausstellung Kritik an der Überwachung formulieren. Bleiben da noch Freiräume für die Kunst?

Hermann Nöring: Auf jeden Fall. Die Ausstellung soll nicht nur die aktuelle Debatte bebildern, sie soll alternative Felder auftun, Felder, die neue Assoziationen bieten. Wir wollten die starke Auseinandersetzung mit dem Internet zeigen. Viele Arbeiten gehen aber auch über die bloße Kritik hinaus. Sie zeigen, wie Identität in der Datengesellschaft aufgebaut wird. Die Kunst gibt hier einen Kommentar zum Thema Überwachung. Was ist gut gelaufen, was weniger gut?

Ralf Sausmikat: Die Filmsektion hat gut funktioniert. Die Themenmischung hat offenbar gestimmt. Das zeigen jedenfalls die Rückmeldungen des Publikums.

Alfred Rotert: Wir sollten unsere Chancen noch mehr im performativen und musikalischen Bereich nutzen.

Stichwort Publikum: Ist das EMAF ein Festival in der Stadt oder auch für die Stadt?

Ralf Sausmikat: Das ist auf jeden Fall ein Festival für die Stadt. Wir haben das Glück, dass wir in der Stadt viele Studierende haben, die das Festival stark nachfragen. Dabei helfen uns auch die unterschiedlichen Angebote für viele Zielgruppen.

Hermann Nöring: Wir arbeiten mit unterschiedlichen Programmen für alle Anspruchsniveaus. Vor allem die Performances sind sehr gut gelaufen. Die Bergkirche war zum Beispiel ausverkauft, aber auch das Haus der Jugend und die Partys. Wir diskutieren immer wieder, wie wir einzelne Zielgruppen ansprechen können – vom Kunstprofessor bis zum Osnabrücker Breitenpublikum.

Alfred Rotert: Wir sollten dabei die Ausstellung nicht vergessen, die noch bis Ende Mai läuft, und das Media Art Camp für Schülerinnen und Schüler.

Thema Finanzierung. Welche Erwartungen stellen Sie an das Land Niedersachsen?

Alfred Rotert: Es gab jetzt noch einmal einen Anteil Effre-Mittel der EU. Das Land Niedersachsen hat den fehlenden Teil ausgeglichen. Im nächsten Jahr fallen die EU-Mittel ganz weg. Das Land hat zugesichert, dass diese Mittel vollständig kompensiert werden. Das Problem: Die Zuschüsse sind seit vielen Jahren gedeckelt. Dadurch allein gehen die Zuschüsse objektiv zurück. Wir wollen wenigstens den Ausgleich dieses Rückgangs erreichen. Denn die Kosten steigen schließlich. Dafür brauchen wir eine Erhöhung der Förderung. Signale der Nordmedia machen da Hoffnung.

Hermann Nöring: Dazu muss gesagt werden, dass Land und Stadt eine Grundfinanzierung bieten. Was darüber hinausgeht, also viele Performances zum Beispiel, muss frei finanziert werden.

Es gab Bemühungen darum, Medienkunst zu archivieren beziehungsweise dauerhaft in Osnabrück zu zeigen. Geht das weiter?

Alfred Rotert: Über die Media Art Base konnten wir unser Archiv auf ein gutes Niveau heben, viele Arbeiten konservieren und verfügbar machen. Das Problem ist, diese Dinge auf gewohntem Standard aufrecht zu erhalten. Wir hätten gern Mittel außerhalb des Festivaletats, um diese Aktivitäten weiterführen zu können. Die Kosten für eine dauerhafte Archivierung fallen schließlich permanent an.

Ralf Sausmikat: Ideal wäre auch ein eigener Server vor Ort.

Hermann Nöring: In Bezug auf die eigene Sammlung geht es ja auch darum, Arbeiten in Auftrag zu geben, an denen wir dann die Rechte halten. Aber auch das kostet Geld. Julia Draganovic leitet jetzt die Kunsthalle. Ergeben sich damit neue Chancen für Projekte?

Alfred Rotert: Wir haben gerade mit Kollegen aus Bologna besprochen, ein Artist-in-Residence-Projekt zu verfolgen. Damit könnte die Produktion von Kunst angeschoben werden. Das basiert auf den Kontakten, die Julia Draganovic mitbringt. Es gibt weitere Ideen.

Hermann Nöring: Frau Draganovic wird sich aber auch erst einmal positionieren wollen. Wir werden sicher den engen Kontakt suchen, um zu kooperieren. Alfred Rotert: Mit Julia Draganovic kommen zunächst einmal viel mehr Kuratoren zum EMAF. Das kommt dem Festival zugute, aber auch den Künstlern, die dadurch eine viel bessere Wahrnehmung erreichen.

Das Vordemberge-Gildewart-Jahr geht demnächst zu Ende. Ergeben sich für das EMAF Anknüpfungspunkte, um künftig etwas zu „VG“ zu machen?

Alfred Rotert: Wir hatten ja im letzten Jahr einen entsprechenden Schwerpunkt in der Filmretrospektive. Man muss natürlich immer nach den Anknüpfungspunkten in der Gegenwart suchen. In der aktuellen Ausstellung zeigen viele Installationen ja, wie Künstler heute arbeiten.

Ralf Sausmikat: Allerdings passen die formal strukturierten Arbeiten natürlich weniger zum aktuellen Thema.

Hermann Nöring: Wir suchen natürlich immer wieder nach Referenzen zur Kunst der Moderne. Dazu gehört auch die Kunst der zwanziger und dreißiger Jahre. Welche Besucherzahl wird das EMAF erreichen?

Alfred Rotert: Wir haben vor allem eine enorm hohe mediale Präsenz erreicht. Das liegt aber auch an dem Thema. So hat das ARD-Nachtmagazin den Bericht über das EMAF direkt nach einem Beitrag über die Anhörung im amerikanischen Kongress zum Thema Drohnen gebracht. Besser kann der thematische Zusammenhang kaum hergestellt werden. Allerdings waren auch die Voranmeldungen zum Festival deutlich besser als im Vorjahr. Auch die Führungen in der Ausstellung sind ausgebucht. Auch die wichtigsten Veranstaltungen sind ausverkauft. Die Besucherzahl des letzten Jahres von 14000 Besuchern werden wir wohl übertreffen. Hermann Nöring: Es gibt auch viele Exkursionen der Universitäten, etwa aus Paderborn, Oldenburg, Bochum, Bremen oder auch Berlin. Da ist das Interesse deutlich gestiegen. Auch die Kooperationen mit Universität und Hochschule Osnabrück wirken sich positiv aus.


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