Medientheoretiker von Borries fordert Mut zu Kritik „Überwachung fängt bei uns selbst an“


Osnabrück. Das Osnabrücker European Media Art Festival zeigt Kunst zum Thema Überwachung. Medientheoretiker Friedrich von Borries erläutert Hintergründe.

Überwachung erzeugt den Druck der Angst. Und die erzeugt Konformität. Das sagt der Architekt, Kurator und Autor Prof. Dr. Friedrich von Borries . Von Borries lehrt Designtheorie an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg und unterhält ein eigenes Büro in Berlin. Er war 2008 Generalkommissar der Architekturbiennale in Venedig. Friedrich von Borries kuratiert vielfältige Ausstellungen und veröffentlicht Romane zum Thema Kunst und Überwachung.

Überwachung assoziieren wir mit Kameras und digitalen Daten. Aber wo findet Überwachung eigentlich statt – auch in Architektur, Lifestyle und Konsum?

Überwachung fängt bei uns selbst an. Weil man weiß, dass man überwacht wird, fängt man an, sein Verhalten anzupassen, macht bestimmte Dinge nicht mehr und verliert damit Spontaneität und Meinungsfreiheit. Überwachung wird mit digitaler Überwachung insofern bedrohlich, weil sie so umfassend ist. Konformität ist das Ergebnis. Und die drückt sich auch in Architektur, Mode und Konsum aus. Diese Faktoren sind selbst nicht Überwachung, aber Ausdruck einer durch Überwachung produzierten Konformität.

Hat das Individuum dann überhaupt noch eine Wahlmöglichkeit?

Ich verweise dabei gern auf die Metapher des Spiels, die einem suggeriert, man hätte unglaublich viele Handlungsmöglichkeiten. Genau diese vielen Optionen machen denjenigen, die Spiele am Computer spielen, ja auch Spaß. In Wirklichkeit ist aber alles vorher schon gescriptet, es verändert sich nicht mit den Aktionen des Spielers. Im Vergleich zu anderen Ländern dieser Welt haben wir bei uns unglaublich viele Wahlmöglichkeiten. Bei aller Kritik sollte man dieses Maß an Freiheiten auch schätzen. Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass Wahlfreiheit eingeschränkt und teilweise nur simuliert ist.

Ist die Überwachung in der westlichen Welt nicht deshalb unheimlich, weil sie in der Freiheit stattfindet und nicht mehr klar verortet werden kann?

Ich bezeichne die Überwachung in unserer Gesellschaft als Surveillance Entertainment oder als freiwillige Selbstüberwachung. Von dieser Form der Überwachung versprechen wir uns ja Annehmlichkeiten oder Vorteile. Wenn ich in meinem Handy den Ortungsdienst aktiviere, damit ich leichter Google Maps benutzen kann, verrate ich meine Aufenthaltsorte. Wenn ich parallel noch nach einem Restaurant frage oder nach Kinofilmen forsche, verrate ich mein Freizeitverhalten und meine Präferenzen. Das setzt sich in vielen Dingen fort, etwa den Bestellungen bei Amazon. Die Informationen, die ich dabei herausgebe, lassen sich durch Algorithmen bestens analysieren. Wir leben in einem Zeitalter der freiwilligen Überwachung.

Sie sind Architekt, Autor, Kurator. Wie macht Kunst der Gegenwart Überwachung zu ihrem Thema?

Die Medienkunst hat das Thema im Rahmen der Selbstreflexion ihrer eigenen technischen Möglichkeiten aufgegriffen. Ich habe aber den Eindruck, dass die meisten Künstler immer noch davon ausgehen, dass etwas anderes uns überwacht, etwa der Staat oder die Wirtschaft. Die freiwillige Selbstüberwachung wird noch relativ wenig behandelt. Das kommt in der Kunst zu kurz. Es ist natürlich bequemer, Überwachung auf den großen Leviathan des allmächtigen Staates zu projizieren.

Die Kunst bleibt also hinter der Komplexität dieser Wirklichkeit zurück?

Das würde ich nicht allein der Kunst anlasten. Das betrifft die gesamte Gesellschaft. Man könnte den Test machen und in der Ausstellung des European Media Art Festival die Besucher fragen, wer ein Handy dabei und es eingeschaltet hat. Das wäre wohl die große Mehrheit. Diese Besucher wären damit als Besucher einer gesellschaftskritischen Ausstellung kenntlich.

Sie haben an der Bauhaus-Stiftung in Dessau gearbeitet. Wie sehen Sie die Formensprache der Avantgarden – als Schritt zur Befreiung oder zur Kontrolle von Menschen?

Das große Projekt der Moderne war die Erfindung eines neuen Menschen und einer neuen Gesellschaft. Unser Glaube an die Pluralität der postmodernen Gesellschaft bedeutet, dass wir uns von diesem Anspruch der Moderne verabschiedet haben. Heute sehen wir, dass die Digitalisierung die Aufgabe des Designs der Gesellschaft übernommen hat. Die Moderne ist so wieder aktuell, aber im anderen Gewand. Die Idee des Konsumentenprofils ist schon eine Idee zur Gestaltung der Gesellschaft. Diese Gestaltung lässt mehr Varianz zu, setzt aber die Möglichkeiten algorithmischer Datenerfassung flexibel ein, um diese Varianzen zu beherrschen. In Wirklichkeit steht dahinter eine große Kontrolle. Die historische Moderne war dann womöglich doch freier als unsere vordergründige Vielfalt, die auf mathematisch erfassbaren Profilen basiert.

In Ihren Romanen „1WTC“ und „RAF“ entwerfen Sie Figuren, die in der überwachten Realität nach alternativen Möglichkeiten suchen. Sind diese Alternativen wirklich offen?

Mein Roman „1WTC“ beginnt mit dem Satz: Fiktion ist die beste Tarnung für die Realität. Insofern sind auch diese Handlungen gar nicht so fiktiv. Wir müssen uns ohnehin fragen, was eigentlich fiktiv und was real ist. Höchst reale Erscheinungen wie der Finanzhandel und seine Krisen haben sehr fiktive Aspekte. Die Romanfiguren liefern Beispiele dafür, wie wir mit den Rahmenbedingungen unserer Gesellschaft umgehen und vielleicht Formen von Freiheit entwickeln können. Wir sollten uns möglicherweise von der Vorstellung von Individualität und Selbstverwirklichung verabschieden. Heute stellt sich heraus, dass Individualität nur eine Form von Selbstvermarktung ist. Das erleichtert die Erfassbarkeit. Die individuelle Person ist über Konsumprofile viel besser einzuordnen. Wenn wir auf Individualität verzichten, werden wir unberechenbarer und erlangen damit ein neues Moment von Freiheit. Meine Romanfiguren sind weder real noch fiktiv und damit auch schlecht festzulegen. Darin könnte der Ausdruck einer neuen Strategie von Freiheit liegen.

Gibt es das freie und selbstbestimmte Leben in der Überwachung?

Das freie Leben gibt es natürlich. Freiheit des Denkens ist nicht einzuschränken. Die erfordert nur wesentlich mehr Mut. Deshalb durchzieht ja auch die Frage nach der Angst meine Romane. Angst ist das effizienteste Instrument der Herrschaft in unserer Gesellschaft. Unfreiheit wird durch die Produktion von Angst hergestellt. Alle haben Zukunftsangst, Angst vor Jobverlust oder Katastrophen. Die Angst sorgt dafür, dass wir das nicht denken, was wir denken sollten. In einer überwachten Gesellschaft wie der unseren, die nicht über physische Repression agiert, ist der Mut anzuecken besonders gefragt. Im Westen sind wir verfeinerten Herrschaftstechniken ausgesetzt und müssen deshalb an anderen Punkten ansetzen, um unsere Freiheit immer wieder zu erkämpfen.

Lesetipp: Friedrich von Borries: 1WTC. Roman. Suhrkamp Verlag. 2011. 204 Seiten. 13,95 Euro; RLF Roman. Suhrkamp Verlag . 2013. 252 Seiten. 13,99 Euro


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