Kunst zum Thema Überwachung European Media Art Festival startet in Osnabrück

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Starke Medienkunst gegen die Überwachung: Niklas Goldbach führt in „TEN“ Klonmänner als Schauspieler einer überwachten Welt vor. Foto: Gert WestdörpStarke Medienkunst gegen die Überwachung: Niklas Goldbach führt in „TEN“ Klonmänner als Schauspieler einer überwachten Welt vor. Foto: Gert Westdörp

Osnabrück. So politisch war das European Art Festival (EMAF) noch nie. Die Ausstellung des Osnabrücker Festivals zeigt Kunst zum Thema Überwachung.

Der Mann sitzt in der Wüste und sieht das Licht Gottes. Von wem ist die Rede – von einem Asketen, einem religiös entrückten Eiferer? Nein. Der Mann sitzt in einem Kommandostand der US-Armee unweit von Las Vegas und steuert Drohnen. Wenn er vom „Licht Gottes“ spricht, meint er die optische Erfassung der Ziele, die von der Drohne attackiert werden. Documenta-Künstler Omer Fast hat in seinem Film „5000 Feet is the Best“ mit Schauspielern das Interview mit einem Drohnen-Piloten nachgestellt. Das bedrückende Werk zeigt, welche Konsequenzen Überwachung haben kann. Sie liefert die Daten für den tödlichen Angriff aus dem Nichts.

„Das Licht Gottes“

Der Streifen von Omer Fast entwirft die präzisen Analysen jener Lebenswirklichkeit, die mit der digital gestützten, lückenlosen Überwachung erreicht ist. Die Formel vom „Licht Gottes“ verweist auf den bestürzenden Subtext dieser Überwachungspraxis. Sie korrumpiert mit dem Licht und der mit ihm verbundenen Sichtbarkeit ein zentrales Ideal der europäischen Aufklärung. Sie erhellte mit der Fackel der Wahrheit rückständige, weil despotische Lebensverhältnisse . Mit dem Licht verband sich die Vorstellung eines Fortschritts zu Recht und Gleichberechtigung.

Verkehrt digitale Überwachung Erkenntnis und Selbstverwirklichung in ihr Gegenteil? Diese Lesart stützen jene Beiträge zur Ausstellung, die das Thema Überwachung einer gründlichen Kritik unterziehen. Daneben gibt es zwei weitere Optionen, die Künstler nutzen, um sich mit Überwachung auseinanderzusetzen: Sie persiflieren deren Methoden oder suchen nach Alternativen jenseits der Kontrolle.

Kurator Hermann Nöring und sein Team zeigen in der Kunsthalle Osnabrück 19 Werke. Hinzu kommen Präsentationen in der Stadtgalerie, dem Kunstquartier des Bundes Bildender Künstler (BBK) und beim Media Campus des Festivals. Das politische Festivalthema zeitigt in der Ausstellung seine Spuren. Kaum einmal zuvor in der Geschichte des EMAF sind Künstlerinnen und Künstler so wenig spielerisch verfahren, haben so wenig die selbstbezüglichen Aspekte der Medienkunst erprobt. Die Inhalte beanspruchen alle Aufmerksamkeit. Kein Wunder: Schließlich müssen Medienkünstler in der Überwachung einen gefährlichen Gegner sehen. Die Überwacher bedienen sich der gleichen Techniken wie die Medienkünstler. Allein deshalb droht der Medienkunst die Diskreditierung. Einstweilen bleiben aber Spielräume. Die nutzt Gregor Kuschmirz mit seiner „Shy Camera“, seiner scheuen Kamera, die sich immer dann schamhaft wegdreht, wenn sich ihr ein Mensch nähert. Die Kamera verweigert die Überwachung. Eine Alternative? Wohl eher eine sympathische Utopie. Alternativen für eine Kommunikation ohne Überwachung bieten hingegen die Schweizer Christoph Wachter und Matthias Jud an. Ihr Projekt „under surveillance, under radar“ unterläuft buchstäblich jede mediale Aufsicht – mit mobilen Kommunikationsnetzen, die unabhängig vom Internet funktionieren sollen. Diese Netze stellen die Künstler vor allem Demonstranten in Ländern zur Verfügung, in denen soziale Netzwerke überwacht oder gar abgeschaltet werden.

Globale Rituale

Überwachung produziert Angst. Und die mündet in Anpassung. Niklas Goldbach zeigt in seinem Video „TEN“ Klonmänner, die die Rituale der globalen Business-Welt vorführen – von Shake Hands bis zum Meeting . Wer diesem Konformismus entkommen will, muss unsichtbar werden. Hito Steyerl zeigt, wie das geht. Mit grünen Tarnanzügen. In seinem Video – ironisch mit „When will I see you again“ von den „Three Degrees“ unterlegt – huschen nur noch leere Menschenschemen durch schicke Einkaufsparadiese.

Die Botschaft: Die seit dem Zeitalter der Aufklärung zur Grundbedingung jeder Erkenntnis erklärte Sichtbarkeit ist zur prekären Größe geworden. Was sichtbar ist, kann gerastert, gescannt und somit überwacht werden. Camouflage hilft dagegen. Aber sie behindert mit der Erkennbarkeit von Individuen auch Kommunikation und authentische Existenz. So zeigt die kritische Medienkunst ein Dilemma auf. Noch in der Kritik an der Überwachung greifen ihre zerstörerischen Mechanismen. Und Überwachung zerstört. Das macht Fritz Reimer eindringlich klar, der den „Situation Room“ nachgebaut hat, in dem US-Präsident Barack Obama und sein Stab verfolgten, wie Osama bin Laden getötet wurde. Wahre Macht besteht heute in der Herrschaft über die Sichtbarkeit.

Die Ausstellung des EMAF läuft noch bis zum 25. Mai. Info: www.emaf.de


EMAf-Ausstellung: Daten und Infos

Die Ausstellung des European Media Art Festival mit dem Titel „We, the Enemy“ findet in der Kunsthalle Osnabrück, im BBK-Kunstquartier und in der Stadtgalerie statt. Die Eröffnung ist am Mittwoch, 23. April, um 19.30 Uhr. Die Ausstellung läuft bis zum 25. Mai. Für die Kunsthalle gelten diese Öffnungszeiten: 24. und 25. April: 10–22 Uhr, 26. April: 10–24 Uhr, 27. April: 10–20 Uhr, 28. April bis 25. Mai: Di., 13–18 Uhr, Mi.–Fr., 11–18 Uhr, Sa., So., 10–18 Uhr. Die Stadtgalerie ist Di. bis So. 9–18.30 Uhr geöffnet. Das Kunstquartier des Bundes Bildender Künstler (BBK) hat diese Öffnungszeiten: 23.–27. April, 10–22 Uhr. Danach: Di.–Fr., 14–18 Uhr, Sa., 11–16 Uhr.

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