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11.04.2014, 07:00 Uhr KOLUMNE

Was hilft noch gegen Überwachung?

Von Dr. Stefan Lüddemann



Osnabrück. Kunst gegen Überwachung: Das verspricht das Osnabrücker European Media Art Festival 2014. Aber was bedeutet Überwachung heute? Ein Essay.

Diktatoren haben seit jeher ihre Untertanen ausgeforscht. Sie haben verhören, abhören, durchsuchen, bespitzeln, foltern lassen. So grausam die Vorgänge, so eindeutig ihre Richtungen: hier die überwachende Obrigkeit, dort die überwachte Bevölkerung - so klar waren Rollen, Interessen und Betroffenheiten aufgeteilt. Herrschenden war klar, wen sie ausforschen wollten, Beherrschte wussten, von wem sie Ausforschung zu erwarten hatten. Die Überwachung gab es immer. Aber in früheren Zeiten war sie eine vergleichsweise einfache Angelegenheit. Sie folgte klaren Regeln. Ihr war auch zu begegnen - notfalls mit dem Aufstand gegen die Herrschaft. Nicht ohne Grund haben Revolutionäre immer wieder Zwingburgen geschleift. Sie waren Symbole der Macht, jener des Militärs und jener, die sich aus privilegierter Beobachtungsposition ergibt. Ob in Paris die Bastille geschleift wurde oder in Ludwig van Beethovens Oper „Fidelio“ Leonore in finstere Verliese vordringt - mit diesem Schritt ist der Gewaltherrscher überwunden, weil seiner überlegenen Optionen beraubt, seine Untertanen in den Blick zu nehmen.

So einfach liegen die Dinge nicht mehr. Die Überwachung früherer Zeiten wirkt jetzt wie die Überwachung einer analogen Ära. Es gibt eine klare Richtung des überwachenden Blicks. Das unterscheidet sie von dem heute erreichten Zustand. Überwachung ist heute komplexer strukturiert. Sie folgt unendlich vielen Blickrichtungen. Und sie wird von Vielen produziert, auch von jenen, die selbst Ziel von Überwachung sind. Die Überwachung des direkten, eindeutigen Blicks gibt es heute nur noch auf wenigen Inseln auf der politischen Landkarte - vor allem dort, wo Diktatoren sich noch erfolgreich gegen die vernetzte Welt abschotten können. Kein Wunder, dass diese Alleinherrscher immer wieder versuchen, die digitale Kommunikation abzuschneiden. Sie kämpfen damit um die Dominanz ihres eindeutigen Blicks. Denn genau dieses Privileg macht Überwachung in Diktaturen wirksam, also dort, wo sie eine eindeutig positionierte, überlegene Macht stützen soll.

Überwachung wird aber vollends unheimlich, wenn sie aus allen Richtungen kommt und wenn sie viele Autoren hat. In der digitalen Ära folgt Überwachung nicht mehr der Logik des gezielten Verdachts. Sie ist im Zeichen des Datensammelns generalisiert, sie zielt nicht auf Individuen, sie scannt die große Menge und das unablässig. Überwachung betreiben alle - Staaten, Geheimdienste, Einzelpersonen, Institutionen und so weiter. Jeder muss sich unentwegt ausgeforscht fühlen - und wenn dieses Gefühl nur dadurch entsteht, dass das Netz mit seinen Algorithmen auf die Suchbewegungen des Individuums im Internet reagiert. Zugleich liefern die Ausgeforschten, was sie früher sorgsam zu verbergen suchten - Hinweise auf ihren Aufenthaltsort, Informationen über Vorlieben und Abneigungen, Material zu persönlichen Kontakten. Das Netz macht jeden zu seinem eigenen Ausforscher.

Damit entstehen komplexe Strukturen der Überwachung. Blickrichtungen, Interessen, Wissenstransfers und Intentionen überlagern sich zu einem unentwirrbaren Knäuel. So viel Komplexität erschwert die ethische Beurteilung und beraubt das Individuum fast vollständig der Möglichkeit, sich gegen Überwachung abzugrenzen. Wie definiert sich noch Freiheit, die bislang immer auch eine Freiheit von Überwachung meinte? Heute erfolgt Überwachung sogar im Namen der Freiheit - vorgeblich jedenfalls.

Philosophen haben Überwachung schon vor Jahren in den Fokus ihrer Theorien gerückt. Michel Foucault analysierte in seinem Klassiker „Überwachen und Strafen“ die Vision der idealen Gefängnisstruktur als Rundbau, der einen unverstellten Blick in jede Zelle ermöglicht. Niklas Luhmann rückte die Kategorie der Beobachtung in den Mittelpunkt seiner Theorie der „Sozialen Systeme“, so der Titel seines Klassikers. Bei Foucault und Luhmann folgen Gesellschaften nicht der Logik eines Interessenausgleichs im Zeichen unverstellter Kommunikation. Der Diskurs ist mitnichten herrschaftsfrei, er funktioniert als Ausdruck einer Asymmetrie der Macht. Foucault hat praktisch alle gesellschaftlichen Institutionen als Ausdruck einer Macht begriffen, die sich auf Überwachung stützt. Überwachung macht die Überwachten wehrlos. Luhmanns soziale Systeme beobachten ihre Umwelten. Sie scannen, was rund um sie her geschieht, um sich durch immer wieder erfolgte Abgrenzungsdiskurse von der Umwelt zu unterscheiden. Überwachung sichert das eigene Überleben.

Endgültig vorüber scheinen die Zeiten, in denen das Ideal des unbeschädigten Lebens in der Freiheit von Überwachung bestand. George Orwell hat in seinem Roman „1984“ gezeigt, wie Menschen reagieren, wenn sie sich vor Überwachung zu schützen versuchten. Orwell imaginierte Überwachung noch als gezielte Abhörung, allerdings hatte auch er schon die Voraussicht, Überwachung konsequent zu Ende zu denken - im Sinn ihrer Totalisierung. Winston Smith und Julia, den Hauptpersonen von Orwells Roman, gelingt es bekanntlich nicht, ihre persönliche Integrität im Überwachungsstaat zu wahren. Unter der Folter verraten sie ihre Liebe und damit ihr Selbst. Orwell formulierte noch die Vorstellung von einer Tiefenstruktur des Menschen, in die vorzudringen den höchsten Sieg der Überwacher darstellte. Heute geht es nicht mehr um Tiefen, heute geht es um Oberflächen, um jene Oberflächen der digitalen Daten, die nicht aus der Verborgenheit gehoben, sondern abgegriffen werden. Damit scheint auch der ganze Mensch schon erreicht. Hat sich dessen Struktur in der Welt der permanent gestellten Überwachung schon grundsätzlich verändert?

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