Safranski: Heidegger verdrängte Unrecht „Unglaublicher Mangel an Empathie“

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Star der Philosophie und Sympathisant der Nationalsozialisten: Martin Heidegger polarisiert mit seiner Haltung zu Politik und Menschlichkeit. Foto: imagoStar der Philosophie und Sympathisant der Nationalsozialisten: Martin Heidegger polarisiert mit seiner Haltung zu Politik und Menschlichkeit. Foto: imago

Osnabrück. Martin Heidegger ist wieder ein Thema. Die „Schwarzen Hefte“ des Philosophen werden auf antisemitische Passagen durchleuchtet, das „Spiegel-Interview“ von 1966 wird als Versuch der Reinwaschung von Verstrickungen Heideggers in das Dritte Reich interpretiert. Heidegger verknüpfte Technik-Kritik mit antisemitischem Vorurteil. Das sagt der Philosoph und Heidegger-Experte Rüdiger Safranski.

Ist Martin Heidegger ein „gefährlicher Denker“?

Er ist vor allem ein produktiver Denker. Er ist aber ein Denker, von dem wir noch stärker, als das bisher möglich war, nun bemerken müssen, dass in sein philosophisches Denken Antisemitismus eingeflossen ist. Das ist ein neuer Befund. Für mich ist damit aber nicht der ganze Heidegger als Philosoph kontaminiert. „Sein und Zeit“ bleibt ein großes Werk, seine philosophische Kritik der technischen Moderne, die übrigens ähnlich geartet ist wie die von Adorno/Horkheimer, bleibt ein philosophisch epochemachendes Ereignis. Aber es gibt düstere Aspekte.

Aber in seinen „Schwarzen Heften“ steht der 1941 geschriebene Satz „Alles muss durch die völlige Verwüstung hindurch“...

Das ist eine Denkfigur, die sich nicht nur bei Heidegger findet. Dieser Denkfigur gemäß muss für einen Neuansatz erst einmal alles zerstört werden. Das mag ein törichter Topos sein. Der ist allerdings zweitausend Jahre alt und kommt aus der Tradition des apokalyptischen Denkens. Für mich ist bei den „Schwarzen Heften“ entscheidend, dass die durchaus plausible Kritik der Rationalität und des technischen Denkens in der Moderne verknüpft wird mit dem banalen, aber höchst gefährlichen antisemitischen Vorurteil. Heidegger bringt das mit dem angeblich rechnenden Geist des Judentums zusammen. Philosophisch gesehen wird dem kritisierten technisch-rationalistischen Denken der Neuzeit eine ethische oder – in Heideggers Terminologie – rassische Zuordnung gegeben.

Ist es nicht ohnehin problematisch, philosophische Themen wie die Seinsfrage mit realpolitischen Vorgängen zu verknüpfen?

Wenn wir begreifen wollen, wie Heidegger damals getickt hat, müssen wir uns klar machen, was er selbst niemals so klar gesagt hat - dass er ein nationasozialistischer Revolutionär war, der tatsächlich gedacht hat, dass das „Seyn“ mit dem Datum 1933 gewissermaßen angekommen sei. Er glaubte doch tatsächlich, dass mit der nationalsozialistischen Machtergreifung, die er als eine Revolution begeistert begrüßte, eine abendländische Entfremdungsgeschichte, die mit Platon begonnen hatte, ihr Ende gefunden habe. Das ist existenziell hoch spannend, aus dem Abstand gesehen allerdings auch ein Skandal. Er hat den Nationalsozialismus als Ausbruch aus der Moderne wahrgenommen. Erst nach Jahren ist ihm klar geworden, dass der Nationalsozialismus eine Modernisierungsdiktatur, also ein Ausdruck der Moderne selbst ist.

Heidegger hat den Nationalsozialismus auch kritisiert, allerdings mit dem Einwand, auch die NS-Bewegung betreibe die Anliegen der Neuzeit. Zeigt das nicht, wie blind ein Philosoph gegenüber der politischen Realität sein kann?

Das fällt in den „Schwarzen Heften“ ja sehr auf. Von brennenden Synagogen, von der Deportation der Juden oder von Konzentrationslagern, von der Zerstörung der Demokratie oder anderem Grässlichen ist gar nicht die Rede. Privat wird ihn das beschäftigt haben, aber all diese Themen hält er nicht für einen würdigen Gegenstand philosophischen Nachdenkens. Das zeigt bei aller raumgreifenden metaphysischen Spekulation zugleich eine unglaubliche Verengung und einen Mangel an Empathie. Das gehört zu dem sehr seltsamen Charakter des Menschen Heidegger.

Verbindet dieser Mangel an Empathie Heidegger mit Ernst Jünger und dessen kalten Schilderungen des Krieges in den „Stahlgewittern“?

Da gibt es doch eine Differenz. Jünger ist in das Zentrum der Gefahr gegangen und hat einen Kult der Selbst-Stählung betrieben. Er hat sich eine stoische Ruhe mitten in der Gefahr anerzogen. Bei Ernst Jünger ist das eine existenzielle Haltung, die größere persönliche Glaubwürdigkeit besitzt als bei Heidegger.

Der „Spiegel“ hat in seinem Interview Martin Heidegger nur zögerlich nach seiner Verstrickung in das Dritte Reich befragt. Hat damit die Zentralinstanz des kritischen Journalismus in der Bundesrepublik versagt?

Die Spiegel-Journalisten haben nicht zupackend gefragt und ihn auch nicht mit philosophischem Verstand herausgefordert. Sie hätten ihn nach den Quellen seines Revoluzzertums und nach der Seinsfrage fragen müssen. Stattdessen hat man ihm erlaubt, sich auf politische Irrtümer und Lebensnöte, also auf pragmatische Argumente zurückzuziehen. Der „Spiegel“ hat nicht zugepackt. Man weiß ja heute, dass der bei dem Interview beteiligte Journalist Wolf selbst aus einer Seilschaft der SS kam. Man weiß deshalb, warum da nicht zugepackt wurde. Heidegger hat seine Sicht auf 1933 nur oberflächlich beantwortet. Er hat gegenüber seiner Schülerschaft, die ihn aus philosophischen Gründen schätzte, nicht die Verantwortung wahrgenommen, seine Haltung zum Dritten Reich noch einmal zu durchdenken. Wer nur journalistisch an Heidegger interessiert ist, für den dürfte mit den „Schwarzen Heften“ alles gesagt sein, der wird dann auch sein Interesse an diesem Philosophen verlieren. Für mich aber nicht. Für mich bleibt Heidegger trotz aller katastrophaler Irrtümer jemand, der überaus bedeutende philosophische Beiträge zum Verständnis des Menschen und seiner Welt geleistet hat..

Heidegger hat Technikkritik geübt. Zugleich posierte er perfekt vor dem Fotoapparat und lancierte geschickt den Zeitpunkt der Publikation des „Spiegel“-Interviews. War der Philosoph des Seins auch ein geschickter Selbstvermarkter?

Er wusste, das zur Philosophie auch immer das Performative der Inszenierung gehört. Heidegger war sich dieser Dimension sehr bewusst. Heidegger hat sich immer wieder selbst inszeniert, auch mit seinen berühmten Bauernkitteln. Der Mann hatte ein besonderes Charisma und in seinem Denken etwas Monomanisches. Er konnte sich Aristoteles zuwenden, auf dessen Denkspur gehen und dabei das Gefühl vermitteln, als würde Aristoteles noch einmal neu auftreten. Bei Heidegger gab es große philosophische Leistungen. Zugleich gibt es bei ihm antisemitische Gedanken. Darin ähnelt er Richard Wagner, der gleichfalls ein übler Antisemit war, aber große Musik geschrieben hat.Heidegger ist der Philosoph der „Geworfenheit“, er warnte vor den Konsequenzen der Medientechnik. Was hat er uns heute noch zu sagen?

Heidegger verwendete den Ausdruck „Ge-Stell“, um damit zu sagen, dass Technik für unsere Lebenswelt weit mehr ist als ein Mittel, dessen wir uns bedienen. Die Technik ist eine so geschlossene Welt geworden, dass sie umgekehrt sich unserer bedient. Wir sind eben im „Gestell“. Das herkömmliche Verhältnis von Zweck und Mittel hat sich umgekehrt. Darauf hat Heidegger hingewiesen. Wir sind gefangen in einer bestimmten Technizität. Das diskutieren wir heute etwa mit dem Blick auf das Internet. Den damit verbundenen Verlust an Souveränität und Freiheit hat Heidegger in seiner Analyse der Technik thematisiert. Da liegt auch eine Parallele zu der Kritik von Horkheimer und Adorno an der instrumentellen Vernunft. Heidegger hat mit seiner Kritik der Moderne weitere Philosophen angeregt, die diese Gedanken noch viel deutlicher formuliert haben. Ich denke an Hans Jonas („Das Prinzip Verantwortung“) und den leider inzwischen ein wenig vergessenen Günter Anders („Die Antiquiertheit des Menschen“). Martin Heideggers Technik-Philosophie lebt in denen, die seine Impulse aufgenommen und fortgesetzt haben.


Der Philosoph Rüdiger Safranski ist der Spezialist für die Biografien über große Dichter und Denker. 1994 legte er sein Buch über Martin Heidegger vor. Zuvor hatte er schon mit einer Biografie über Arthur Schopenhauer für Furore gesorgt. 2000 folgte der Band über Friedrich Nietzsche. Zuletzt stürmte Safranski mit „Goethe. Kunstwerk des Lebens“ die Bestseller-Listen. lü

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