Wuppertaler Von-der-Heydt-Museum zeigt Kunst aus der Zeit des Ersten Weltkriegs Maler porträtiert sich mit klaffender Schusswunde

Meine Nachrichten

Um das Thema Kultur Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.


Wuppertal. Wuppertal zeigt Kunst zum Ersten Weltkrieg. Dem Von-der-Heydt-Museum gelingt eine packende Inszenierung mit Bildern deutscher und französischer Maler.

Wuppertal. Verrenkte Glieder, verzerrtes Gesicht, eine klaffende Bauchwunde, aus der das Blut in Strömen rinnt – ein billiger Schockeffekt? Keineswegs. Der Expressionist Gert Wollheim malt 1919 in dem Bild „Der Verwundete“ sich selbst, den durch einen Bauchschuss im Ersten Weltkrieg schwer verwundeten Künstler. Die rote Farbe, die auf dem Gemälde aus der Bildfigur nach unten rinnt, glänzt so feucht, als sei sie ein wirklicher Blutstrom.

Wollheims Bild macht die Grausamkeit des Krieges zum Erlebnis – mitten im Wuppertaler Von-der-HeydtMuseum. Unter dem drastischen Titel „Menschenschlachthaus“ – er ist dem bereits 1912 erschienenen prophetischen Bestseller von Wilhelm Lamszus entliehen – versammelt das Museum 350 Gemälde, Zeichnungen, Filme, Fotos und Dokumente zum Ersten Weltkrieg. Dabei stellt Kurator Dr. Gerhard Finckh deutsche und französische Künstler einander gegenüber. Die Ausstellung soll in einer zweiten Station in Reims gezeigt werden. Dessen Kathedrale, in der Frankreichs Könige über Jahrhunderte gekrönt worden waren, schossen die Deutschen 1914 in Trümmer . Nun kooperieren das Von-der-Heydt-Museum und das Kunstmuseum von Reims. Im Herbst wollen dort Frankreichs Staatspräsident François Hollande und Bundeskanzlerin Angela Merkel die zweite Station der Ausstellung eröffnen.

Der Besucher erlebt in Wuppertal eine packend inszenierte Ausstellung. Filme von Aufmärschen, von Sturmangriffen und Artillerieduellen entfesseln das Inferno des Krieges in den Ausstellungsräumen. Kraftvoll gestaltet sind auch Start und Schluss der Schau. Kurator Finckh fokussiert zu Beginn mit Fritz Klimsch’ markigen Büsten von Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff sowie Porträts französischer Militärs wie Joseph Joffre oder Philippe Pétain die Regisseure brutalen Kriegsgeschehens. Dazu hängt er Kunst der Vorkriegszeit. Bilder von August Macke, Franz Marc und ihren französischen Pendants zeigen, wie international Kunststile bereits ausgerichtet waren.

Ganz anders die Schlussstation der Schau. Als blutrote Diagonale zerschneidet ein Vitrineneinbau den letzten Saal. Zu beiden Seiten zeigen Bilder und Plastiken beider Länder, wie unterschiedlich der Krieg jeweils verarbeitet worden war. Bilder wie Otto Dix’ „Selbstbildnis mit Witwenschleier“ und Max Beckmanns „Luftakrobaten“ spiegeln Reflexe einer zerrissenen und verunsicherten Gesellschaft. Auf der anderen Seite stehen Bilder vom triumphierenden Frankreich und von einer neu erlangten Normalität, die sich in Pierre Bonnards idyllischem „Esszimmer“ von 1925 spiegelt.

Die Besucher durchleiden die Zeit zwischen Anfangs- und Endpunkt dieser Schau als Schussfahrt durch eine Welt der Extreme. Félix Vallotton malt kurz vor Kriegsausbruch mit seiner „Liegenden“ noch das Ebenbild des glücklichen Menschen. 1917 strichelt er seinen „Soldatenfriedhof“ als Feld aus unzähligen Kreuzen. Die Malerei ist dabei so verhuscht wie das zu diesem Zeitpunkt längst brüchige Selbstbildnis vieler Menschen.

Starke Reaktionen zeigen die Künstler nicht mit Heldenposen, sondern mit Bildern des Leids. Wilhelm Lehmbruck formt seine Plastik „Gestürzter“ zum eindringlichen Bild des Kriegstodes. Und Otto Dix malt sich auf einem Bild gleich zweimal: vorn als schmucker Soldat mit blinkender Pickelhaube, hinten als traumatisierter Kämpfer in flammendem Rot. Eindringlicher lässt sich der Zerfall einer Persönlichkeit unter dem Druck des Krieges kaum einfangen.

Allerdings protestieren Künstler nicht per se gegen den Krieg. Maurice Denis etwa malt die „155er Feldhaubitze“ als harmlose Genreszene des Massensterbens, Pierre Bonnard pinselt das „Zerstörte Dorf“ erkennbar hastig als vaterländische Pflichtaufgabe auf die Leinwand. Wie schon in der Bonner Schau „Die Avantgarden im Kampf“ wird auch in Wuppertal die ambivalente Haltung vieler Künstler zum Krieg deutlich. Propaganda und Protest stehen unvermittelt nebeneinander. Nur eines verbindet alle Maler und Zeichner: Der Krieg zerstört nicht nur ihre Arbeitsmöglichkeiten, er drängt sie auch künstlerisch an den Rand ihrer Möglichkeiten und darüber hinaus . Hat die Kunst den Krieg bewältigt? Nicht wirklich. Der Krieg hat die Kunst verwundet – wie auf dem Bild von Gert Wollheim. Die Wunde blutet weiter.

Wuppertal, Von-der-Heydt-Museum: Menschenschlachthaus. Der Erste Weltkrieg in der französischen und deutschen Kunst. 8. April bis 27. Juli 2014. Di., Mi., Fr.– So. 11–18 Uhr, Do. 11–20 Uhr. www.menschenschlachthaus-ausstellung.de


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN