Museum in Bremen zeigt ihre Lernphasen Als Paula Modersohn-Becker durchstartete


Bremen. Das Publikum liebt sie innig. Doch wie wurde Paula Modersohn-Becker zur beeindruckenden Künstlerin? Eine Ausstellung in Bremen zeigt es, indem sie ihren drei Entwicklungsstationen nachspürt.

Sie hat ihre Kragenschleife sauber gebunden und das Kinn etwas gehoben. So fällt ihr Blick von oben auf den Betrachter – und auf sich selbst. Auf ihrem „Selbstbildnis vor Fensterausblick auf Pariser Häuser“ (1900) zeigt sich Paula Modersohn-Becker selbstbewusst als frontal gefasstes Bildmotiv. Doch in ihrem Blick liegt auch eine Frage: Wo stehe ich – als Künstlerin, als Frau?

Als Klassikerin der Worpsweder Künstlerkolonie ist Paula Modersohn-Becker (1876–1907) so sehr in den Kunstkonsens eingebunden, dass ihr Such- und Selbstfindungsweg zuweilen aus dem Blick gerät. Pünktlich zum 125. Jubiläum des Künstlerdorfes Worpswede in diesem Jahr fragt das Paula-Modersohn-Becker-Museum in der Bremer Böttcherstraße anhand von 120 Gemälden und Zeichnungen neu nach dem rasant durchmessenen Entwicklungsweg der Künstlerin, die jung starb und sich dennoch mit ihrer eigenwilligen Position nachdrücklich in die Geschichte der frühen Moderne eingeschrieben hat.

Berlin, Worpswede, Paris: Aus dieser ungewöhnlichen Trias macht Paula Modersohn-Becker einen konsistenten Weg – als Künstlerin und als Frau. Sie lebt in einer Zeit, in der Frauen keinen Zugang zu Kunstakademien haben und Aktzeichnen ihnen als unschicklich verwehrt ist. Als Ehefrauen hatten sie ohnehin kaum Aussicht auf einen eigenständigen Weg. „Dass ich mich verheirate, soll kein Grund sein, dass ich nichts werde“, schreibt sie ihrer Mutter am 3. November 1900 kurz nach ihrer Verlobung mit dem Landschaftsmaler Otto Modersohn. Nach diesem Credo lebt sie. Ab 1896 zwei Jahre Berlin, 1898 der Umzug in die Künstlerkolonie Worpswede, 1900, 1903, 1906 und 1907 vier Aufenthalte in Paris: So schnell getaktet, durcheilt die Künstlerin ihren Entwicklungsweg.

Erfüllt von dem „Willen und Wunsch, etwas aus mir zu machen“, wirft sich Paula Modersohn-Becker auf ihre künstlerische Ausbildung. Natürlich zeichnet sie in privaten Akademien nach Aktmodellen, sie studiert in Museen alte Meister, lässt sich von altägyptischen Mumienporträts ebenso wie von Steinskulpturen in der Bretagne anregen. Die Begegnung mit der Kunst von Auguste Rodin und Paul Cézanne („wie ein Gewitter und ein großes Ereignis“) bringt sie auf ihren Weg – hin zur großen, einfachen Form.

Bis dahin erprobt die Künstlerin, was dann doch nicht zu ihr passt: Frauenakte im Stil der Femme fatale, impressionistisch getupfte Selbstbildnisse, Pariser Großstadtszenen mit Pferdeomnibus und Passanten. Paula Modersohn-Becker übt sich früh im freien Blick. So malt sie nicht allein Selbstbildnisse als Selbstbefragungen, sondern zeichnet mit Kohle magere Mädchen mit ausgemergelten Körpern und harten Gesichtern. Paula Modersohn-Becker will keinen Erfolg um den Preis konventioneller Lösungen. Sie malt Bilder, die Natur und Menschen in blockhaften Formen integriert, sie will „die große Einfachheit“.

Der Malerin ist bewusst, dass sie damit auch in dem hymnisch begrüßten Worpswede mehr und mehr anecken wird. „Ich glaube, ich werde mich von hier fortentwickeln“, schreibt sie den Eltern schon am 12. Februar 1899. Genrehafte Bauernszenen, wie sie Fritz Mackensen malt, sind nicht ihre Sache. Und auch den Horizont der Landschaften ihres Ehemanns Otto Modersohn überschreitet sie schnell. Sie stirbt zu früh, um ihre Entwicklung noch weiter vorantreiben zu können. Worpswede wäre sonst wohl nur eine Episode in ihrem Lebenslauf geblieben.

Die Bremer Schau vermittelt dennoch ein Gefühl von jenem energischen Aufbruch, der Paula Modersohn-Becker mit Künstlerkollegen ihrer Zeit wie etwa August Macke verbindet. Die Malerin brach nicht nur auf, sie brachte es auch zu heute klassischen Bildern. Eine starke Leistung.

Bremen, Paula-Modersohn-Becker-Museum: Paula Modersohn-Becker. Berlin, Worpswede, Paris. Bis 6. Juli. Di.–So 11–18 Uhr. www.museen-boettcherstrasse.de

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