Wie verändern Frauen den Ausstellungsbetrieb? Die andere Hälfte der Kunst


Osnabrück. Julia Draganovic übernimmt die Kunsthalle Osnabrück. Ihre Berufung markiert einen Trend: Frauen verändern die Kunstwelt. Die Frage: Welchen neuen Blick werfen Kuratorinnen auf die Kunst? Ein Trendbericht.

„Es ist schön, dass das gut ausgebildete und ambitionierte Frauen berufen werden und nicht mehr außen vor bleiben“, bestätigt Prof. Dr. Pia Müller-Tamm, Direktorin der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe den Trend. Im nächsten Moment schränkt sie aber auch ein. Viele wichtige Museumsposten sind immer noch fest in Männerhand. Bestes Beispiel: Im „Leipziger Kreis“, einer Runde von Leitern der großen deutschen Altmeistermuseen stellen Frauen derzeit gerade einmal drei von rund 15 Chefs. „Das ist wie bei den DAX-Konzernen“, sagt Müller-Tamm weiter, die als Chefin des Karlsruher Hauses mit zu dieser Runde gehört. Und das hat Konsequenzen. Mit den Direktoren gewinnen Museen ein bestimmtes Profil, ebenso wie ihre Sammlungen und das Ausstellungsprogramm. Immerhin: Die Zeit einer nur von Männern geprägten Geschichte der Museen, ihrer Sammlungen und Ausstellungen kommt wohl gerade an ihr Ende.

Oder doch nicht? „Die Geschichte der Kunst ist von einem männlichen Blick geprägt“, stellt hingegen Dr. Söke Dinkla fest. Die Konsequenz: In vielen Museumssammlungen fehlen Kunstwerke von Frauen, oft gerade auch von jenen, die den Lauf der Kunstgeschichte geprägt haben. „Wir vermissen bei uns schmerzlich Louise Bourgeois“, sagt Söke Dinkla, die seit Kurzem das Duisburger Wilhelm-Lehmbruck-Museum leitet. Nach ihren Worten reichen die Lücken aber auch weiter. Nach den Worten Dinklas fehlen in der Sammlung des wichtigsten deutschen Museums für Skulptur zum Beispiel auch Arbeiten der Documenta-Künstlerin Mona Hatoum.

Und das ist mitnichten ein Einzelfall. Viele Museumssammlungen weisen nach der Einschätzung von Kunsthistorikerinnen Lücken auf, die sich einem einseitigen Blick auf Kunst und Künstler verdanken. Die von Dr. Marion Ackermann geleitete Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen hat auf ihre Weise reagiert. Das Team ergänzte die Schausammlung des Hauses zur Kunst des 20. Jahrhunderts auf Zeit mit geliehenen Werken von Künstlerinnen, um die Lücken in der ansonsten opulenten Kollektion sichtbar zu machen. Das verblüffende Resultat: Sogar inzwischen längst klassische Künstlerinnen wie Paula Modersohn-Becker und Käthe Kollwitz fehlen in dem repräsentativen, oft als heimlicher Nationalgalerie tituliertem Museum. „Das war durchaus programmatisch gedacht“, erläutert Dr. Anette Kruszynski von der Kunstsammlung das Projekt.

Aber lässt sich die Schieflage in den Kollektionen auch dauerhaft ändern? Mit den Werken von Frauen fehlt „die zweite Hälfte der Welt“, wie Dr. Brigitte Franzen, Direktorin des Aachener Ludwig Forums für Internationale Kunst formuliert. Die Kunstgeschichte sei damit unzulänglich repräsentiert. Doch den „Ausgleich durch Ankäufe“, so Pia Müller-Tamm, wird es nicht vollkommen geben können. Sie und ihre Düsseldorfer Kollegin Kruszynski verweisen auf die exorbitant hohen Preise gerade für die Kunst der inzwischen klassisch gewordenen Moderne. Immerhin korrigieren die Direktorinnen das Bild mit einzelnen Ankäufen. „Wir haben vor kurzem Werke von Agnes Martin und Annette Messager erworben“, sagt etwa Anette Kruszynski. Pia Müller-Tamm verweist auf Werke etwa von Suzanne Valadon und Leiko Ikemura, die sie für das Karlsruher Haus erworben hat.

Und der Blick in das Depot? Den empfiehlen Brigitte Franzen und Beate C. Arnold, Leiterin des Worpswweder Barkenhoffs . „Frauen sehen anders auf die Kunst von Frauen“, sagt Arnold, die das Bild der Kunstgeschichte gerade auf ihre Weise wenigstens etwas korrigiert. Sie zeigt in dem Heinrich-Vogeler-Museum Barkenhoff derzeit die Bilder der lange Zeit vergessenen Malerin Julie Wolfthorn. Jenseits temporärer Ausstellungen finden sich allerdings nach ihrer Einschätzung in vielen Museumsdepots viele, zu Unrecht unterschätzte Werke von Künstlerinnen. Die gelte es neu ins Bewusstsein zu heben.

Eine Quote für weibliche Kunst dürfe es allerdings nicht geben, warnt Beate C. Arnold. „Die Kunstgeschichte kann nicht komplett anders konstruiert werden“, betont auch Pia Müller-Tamm. Mit dem Blick von Frauen verschiebe sich die Perspektive - mehr aber auch nicht. Qualität hat die Auswahl zu leiten. Darin sind sich Kuratorinnen mit ihren männlichen Kollegen einig. Am Ende zählten jene Kunstwerke, „die uns immer neu etwas zu sagen haben“, so Pia Müller-Tamm, die für den „unorthodoxen Blick auf die Kunstgeschichte“ plädiert. Und den üben die Frauen, wie auch Dr. Sabine Maria Schmidt, Kuratorin an der Kunsthalle Bremen, betont. Besonders wichtig: Frauen haben heute als Kuratorinnen bessere Chancen als früher. Das liegt nicht nur an verbesserter Ausbildung und eigenen Studiengängen, die besonders von Frauen nachgefragt werden, sondern auch an den vielen freien Kuratorinnen, die mit eigenwilligen Projekten die Szene in Bewegung bringen. „Da wächst eine ganz andere Struktur“, ist sich Beate C. Arnold sicher.


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