Interview zum Abschied von der Bühne René Kollo „möchte auch ein bisschen Spaß haben“

Von Ralf Döring

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Berlin. Das Dressler am Kurfürstendamm ist eine feine Adresse. Eingerichtet im Art-déco-Stil, erinnert es an die Zeit, als der Ku’damm die feine Meile Westberlins war. Um elf Uhr vormittags sitzen dort nur ein paar Leute, darunter René Kollo, der sich gerne hier zum Interview verabredet. Er wirkt zufrieden mit sich und der Welt, wie er da sitzt und seinen Tee trinkt.

Herr Kollo, wir treffen uns anlässlich Ihrer Abschiedstournee. Ist es ein schmerzlicher Abschied?

Das ist kein schmerzlicher Abschied, und ich habe mich ja auch nicht von heute auf morgen entschieden. Die Tour geht die nächsten anderthalb Jahre; nicht nur mit einem unterhaltsamen Programm, sondern nächste Weihnachten werde ich Schuberts „Winterreise“ singen, also eine recht ernsthafte Sache. Ich werde im November 77. Da kann ich mir ausrechnen, wie lange ich noch auf diesem schönen blauen Planeten bin und wie lange ich noch singen kann. Ich kann es ja, und deswegen mache ich es. Könnte ich nicht mehr singen, wäre ich schon lange weg.Da das seltsamerweise immer noch funktioniert, kann ich nicht zu Hause sitzen und Däumchen drehen.

Es ist ein Phänomen, dass Ihre Stimme noch funktioniert.

Nicht nur das! Ich habe ja zunächst das lyrische Fach gesungen und dann den ganzen Wagner, Otello, also die Langstrecken-Sachen. Dass die Stimme das so vollkommen unbeschadet überstanden hat, muss wohl bedeuten, dass ich das ganz richtig gemacht habe. Sonst wär sie ja hin, nicht?

Sind in der langen Karriere Wünsche unerfüllt geblieben?

Eine Rolle hätte ich immer gerne gesungen: den Hoffmann. Herbert von Karajan hatte das im Blick mit mir, dann den Part aber auf Weisung der Plattenfirma ausländisch besetzt. Das war schon damals immer eine Verkaufsfrage. Er wollte das immer mit mir machen, und ich hätte das wahnsinnig gerne gesungen. So ist der Hoffmann die einzige Partie, zu der ich in meinem Leben nicht gekommen bin. Leider.

Sie sind im Nachkriegsberlin aufgewachsen...

...nein, nein. Wir sind in den letzten Kriegstagen nach Grande geflüchtet, in der Nähe von Hamburg. Ein Jahr später sind wir nach Hamburg gezogen; mein Vater war da beim NWDR. Nach Berlin sind wir erst 55 zurückgegangen.

Welches Flair herrschte damals in dieser Stadt?

Zu der Zeit war es tolles Flair, weil eine Aufbruchstimmung herrschte. Alle hatten den Krieg überstanden und lebten jetzt mit einer unglaublichen Vehemenz. Dagegen ist es heute wie eingeschlafene Füße. Es ist langweilig, weil alles da ist. Und das ist das Schlimmste, was man den Menschen geben kann. Wir sind heute eine gut funktionierende Community, aber damals, das war toll. Eine abenteuerliche Stimmung. Ich bin dann 1965 rausgegangen...

...nach Braunschweig...

… und habe dort angefangen und war dann dreißig, vierzig Jahre lang fast nicht mehr in Berlin, es sei denn für Vorstellungen an der Deutschen Oper. Wir haben in Hamburg gelebt und im Süden, in Spanien – meine Berliner Zeit erstreckte sich eigentlich nur von 1955 bis 1965.

Warum haben Sie als junger Mann an einer Schule für Fotografie angefangen?

Ich wusste überhaupt nicht, was ich machen sollte. Die Zigarettenmarke Peter Stuyvesant warb damals mit dem „Duft der großen weiten Welt“, und ich dachte mir – und der Gedanke war gar nicht so falsch –, da wirste Kameramann, dann kommste in alle Länder.

Stand Ihnen als Sohn einer erfolgreichen Operettendynastie nicht sowieso die Welt offen?

Nein, überhaupt nicht. Zumindest nicht nach dem Krieg. Mein Vater hatte ja alles verloren, musste sein Leben erst wieder neu aufbauen. Nein, ich habe dann diese Schule in Hamburg gemacht und danach nie mehr eine Kamera angefasst. Ich weiß nicht mal, wo man da draufdrückt. Ich wusste einfach noch nicht, wohin es gehen sollte.

Was hat dann den Schwenk hin zur Musik ausgelöst?

Ich hatte schon in Hamburg und dann in Berlin ein bisschen Dixie gespielt, am Schlagzeug und am Bass, und habe Sinatra-Songs gesungen. In Berlin habe ich das für den AFN gemacht, mit einer kleinen Kombo, und wir waren so erfolgreich, dass einer vom RIAS kam und sagte, ich solle mal vorsingen. Zu der Zeit hatte ich schon Schauspielunterricht – ich wollte als Hamlet auf die Bühne. Über diese Ausbildung bin ich an eine Sängerin gekommen, die mich stimmlich für die großen Bühnen ausbilden sollte, die es damals in Berlin noch gab. Na ja, die hat mich dann zur Oper gebracht. Ich habe ungefähr achtzigmal den Jedermann gespielt; da sollte es eigentlich hingehen. Daraus wurde Schauspiel mit Gesang. Das war ja auch ein bisschen meine Stärke, dass ich die Dinge spielen konnte und nicht einfach nur dastand.

Das ist auch heute noch ein Defizit vieler Operndarsteller.

Oper hat aber auch gar nicht in erster Linie mit Schauspiel zu tun; das sieht man heute immer falsch. Oper hat erst einmal was mit Singen zu tun. Es gibt viele Leute, die können singen, aber die können sich nicht bewegen – müssen sie auch gar nicht, mussten sie auch früher nicht. Es gab immer die Ausnahmen, aber an denen konnte man keine Grundsätze festmachen. Auch Caruso hat nur gestanden und hat gesungen! Aber er hat eben schön gesungen, und das hat völlig gereicht. Heute rennen sie von einem Eck ins andere und glauben, sie wären Schauspieler. Völliger Blödsinn.

Man kann nicht mit René Kollo reden, ohne über Bayreuth zu reden. In den Siebziger- und Achtzigerjahren haben sie dort gesungen – was hat Bayreuth für Sie ausgemacht?

Bayreuth war für mich eine heilige Stätte. Ich habe gerade ein Wagnerbuch beendet, das vermutlich im Mai herauskommt, wenn Sie das durchlesen, wissen Sie, was Bayreuth für mich war.

Machen Sie mich neugierig, bis Mai ist ja noch hin.

Bayreuth ist für mich eine unglaubliche Einmaligkeit. Künstlerisch sowieso – heute leider nicht mehr –, aber der Klang, das verdeckte Orchester, keine wichtigtuerischen Dirigenten, das war wirklich einmalig. Und wenn man weiß, dass Richard Wagner sicher zehn Jahre seines Lebens geopfert hat, um das Haus aufzubauen, wird man ehrfürchtig vor ihm und seinem Werk, ehrfürchtiger, als man sich heute verhält.

Wie müsste man sich denn verhalten?

Man muss sich diesem Genie gegenüber angemessen verhalten. Das kann modern sein, das ist nicht die Frage. Wieland Wagner war auch modern – aber er war auch mystisch. Eine Tankstelle im „Rheingold“ macht keinen Wagner. Die Hauptrolle spielt bei Wagner immer die Natur, die muss man zeigen, wie auch immer man sie gestaltet. Bei Wieland habe ich die größten Dinge in meinem Leben überhaupt gesehen: Freiraum für ein mystisches und überhaupt für ein eigenes Denken. Das ist kein Blockbuster.

Nun, Bayreuth ist jedes Jahr zehnfach überbucht.

Das stimmt ja nicht. Das ist längst vorbei, leider. Und wenn man so weitermacht, sehe ich schwarz, denn dann kommt ein Punkt, wo die Menschen nicht mehr hingehen. Das ist heute so ein Firlefanz geworden. Es gibt kein wirkliches Nachdenken über die Stücke – die man ja zum Teil gar nicht mehr kennt; wenn Sie mir sagen, was „Parsifal“ ist, kriegen Sie einen Euro. Man will Kintopp auf der Bühne, will ablenken, jede Sekunde einen Witz machen. Das hat mit Wagner gar nichts zu tun.

Ein Gerücht besagt, Sie hätten in Bayreuth ein Lokal gekauft?

Ach Quatsch! Ich bin, solange ich da bin – also seit 1968 – befreundet mit dem Chef des Weihenstephan. Der wollte irgendetwas steuerlich machen, und wir saßen und tranken und sagten irgendwann: „Ja ja, machen wir mit.“ Dann hat er uns auf die Karte gesetzt: Mitinhaber René Kollo und noch zwei weitere Namen. Das war ein blöder Scherz.

So wichtig wie Wagner war Ihnen immer die Operette, die Unterhaltung, die leichte Muse. Ist das ein Erbe, das
der Spross einer Operettendynastie mitbekommen hat? Prägte die Musik Ihren Alltag?

Überhaupt nicht. Wenn ein Schlachter nach Hause kommt, zerlegt er nicht noch ’ne Sau auf dem Wohnzimmertisch. Genauso war es bei uns. Mein Vater war den ganzen Tag unterwegs, hatte mit Filmen und Musik zu tun und wollte zu Hause nichts hören. Wenn wir ein bisschen geklimpert haben, wurden wir rausgejagt, weil er seine Ruhe haben wollte. Es war sicher die unkünstlerischste Atmosphäre, die man sich vorstellen kann.

Trotzdem haben Sie zur Kunst gefunden. Ihren ersten Erfolg feierten Sie aber mit dem Schlager „Helou, Mary Lou“ – tuschelten die Opern-Kollegen?

Das wird es sicher gegeben haben. Nur sind die Leute nicht so mutig und ehrlich, dass sie es einem direkt sagen. Das hat mich nie berührt. Im Gegenteil: Es hat mich eher angespornt, gut zu sein. Ich hab das gewusst, aber mein Gott…

Sie haben aber beide Genres parallel betrieben?

Mein Vater und mein Großvater haben das ja in den Zwanzigerjahren führend in Berlin und Deutschland gemacht. Ich habe nun keinen Grund gesehen, meine Familie zu verleugnen, und außerdem hat mir das Spaß gemacht. Operette ist übrigens viel schwerer als Oper. Im Übrigen: Wem das nicht gefallen hat, dem hat es eben nicht gefallen. Ich kann mein Leben nicht nach ein paar Spießern ausrichten. Das ist dann deren Sache; es ist mein Leben, und ich möchte in meinem Leben auch ein bisschen Spaß haben. Ich habe Spaß, wenn ich Tristan oder Otello singe. Aber ich habe auch Spaß an der Operette.

Die Operette galt ja lange Zeit als muffig und gestrig…

…dann ist Mozart auch gestrig.

Aber die Operette traf dieses Vorurteil in besonderem Maß. Nun wird das Genre gerade entstaubt – etwa durch Barrie Kosky, den Intendanten der Komischen Oper. Werden Sie sich die neue Produktion „Clivia“ ansehen?

Nein.

Warum nicht?

Weil ich die Art und Weise, wie das heute gemacht wird, nicht so interessant finde. Erstens ist „Clivia“ als Operette schon immer langweilig gewesen, denn es passiert eigentlich – nichts. Das Ganze dann als Revue-Theater gemacht – okay, kann man machen! Aber das ist nicht meine Richtung, und auch musikalisch ist das nicht so, dass ich das unbedingt sehen muss.

Sehen Sie sich überhaupt um und schauen, was an den Berliner Bühnen passiert?

Nein. Weil ich mich jedes Mal ärgere: über diesen Sänger und über das, was passiert, oder über das, was alles nicht passiert. Und ich kann nicht rausgehen, wissen Sie? In der Deutschen Oper bin ich Ehrenmitglied, da kann ich in die Generalprobe rein und in der Pause gehen. Aber wenn ich irgendeine Vorstellung besuche, kann ich nicht weg, denn so weit kennt man mich dann doch. Das heißt, ich muss bis zum Schluss bleiben, also bleibe ich lieber gleich ganz weg. Ich bin sowieso kein Mensch, der viel weggeht. Lieber sitze ich zu Hause, habe Ruhe, schreibe an meinen Büchern.

Sie haben unter anderem einen Krimi über Tannhäuser geschrieben.

Ja, weil mich der griechische Hintergrund dieser Geschichte interessiert hat. Der ist ja unglaublich blutig, mit Kopf ab, Händen ab und so, und da habe ich gedacht, das schreit ja förmlich nach einem Krimi. Aber das ist der einzige Krimi, den ich geschrieben habe.

Haben Sie sich immer so intensiv mit den Hintergründen der Opern auseinandergesetzt, die Sie gesungen haben?

Ja, schon. Doch das ist völlig uninteressant; Sie haben davon gar nichts. Die Oper ist eine eigenständige Geschichte, und die Hintergründe, die Sie sich anlesen können, haben selten einen Einfluss auf die Geschichte. Der ganze „Tannhäuser“-Stoff kommt aus der griechischen Antike, mehr oder weniger, nur der Sinn des Stückes ist ein völlig anderer. Da geht es um die Ambivalenz des Menschen: entweder runter in den Keller, wo Mord und Totschlag herrschen, oder rauf in die Heiligkeit – da nützt Ihnen aber die ganze griechische Tragödie nichts.

Was kommt nach der Abschiedstournee?

Das weiß ich nicht. Altersbedingt wird nichts mehr kommen… Dann werde ich schreiben, dann werde ich auf Mallorca sitzen, auf die Palmen gucken und warten, bis der Liebe Gott mich holt!

René Kollo live: 25.3. in der
Lutherkirche Osnabrück.