Neuaufnahme mit Teodor Currentzis Der „Figaro“: Mozarts Revoluzzer-Oper

Mozarts „Figaro“ als Sturm auf die Bastille: Teodor Currentzis Foto: Anton ZavyalovMozarts „Figaro“ als Sturm auf die Bastille: Teodor Currentzis Foto: Anton Zavyalov

Osnabrück. Die Referenzaufnahme für Wolfgang Amadeus Mozarts „Nozze di figaro“? René Jacobs ist ganz weit vorne, und auch sechs Jahrzehnte nach ihrer Entstehung, die Aufnahme unter Erich Kleiber. Jetzt drängt eine neue Aufnahme nach vorn: Die Gesamteinspielung des griechischen Dirigenten Teodor Cerrentzis und dessen Ensemble Music Aeterna.

Osnabrück. Die Revolution rast im gestreckten Galopp ihrem Höhepunkt entgegen. Wie schnell verheddert man sich im Gestrüpp, stolpert – aber weiter, schneller, weiter!, peitscht Teodor Currentzis sein Esemble Music Aeterna durch die Ouvertüre von Mozarts „Le nozze di figaro“ und weiter durch drei Stunden Oper.

Bei Currentzis’ Neueinspielung wird die erste Zusammenarbeit von Mozart und Lorenzo Da Ponte zur kompromisslosen Revolutionsoper, zum musikalischen Sturm auf die Bastille. Da klingt nicht immer alles schön, sondern scharf zugespitzt. Und vom eigenen Furor getrieben, verhaspelt sich das Orchester schon mal in Mozarts vielen Noten.

Ungewohnt klingt das auch für Kenner und Liebhaber der historischen Aufführungspraxis. Der griechische Dirigent hat deren Werkzeuge neu geschärft – und frei interpretiert. So mischt sich immer wieder das Hammerklavier in den Orchestersatz, als könnte ein übermotivierter Mozart die Finger nicht still halten und müsste hier und da noch eine Linie hinzuimprovisieren. Historisch korrekt? Egal: Currentzis jagt nicht dem Klangbild vergangener Epochen hinterher; wenn er Authentizität sucht, dann im Ausdruck, im emotionalen Gehalt. Und da geht er unkonventionelle Wege. „Wäre ich der Meinung, diese Musik klingt besser auf elektrischen Gitarren, würde ich sie auf elektrischen Gitarren spielen“, sagt er. Was für ein Glück, dass er für den „Figaro“ das historische Instrumentarium als das angemessene empfunden hat. Allerdings mit ein paar eigenwilligen Weiterungen: So schnarrt beim Chor der Landleute „Ricevete, o padroncina“ im dritten Akt eine Drehleier – wenn auch dezent. Damit ist er ganz auf der Linie eines René Jacobs, der auch gern alles akquiriert, was in irgendeinem zeitlichen Bezug zur jeweiligen Oper steht.

Noch eigenwilliger aber ist der Entstehungsort der Aufnahme: Currentzis ist Chef der Oper in Perm , einer Stadt irgendwo in den Weiten Russlands. Ausgerechnet Russland, wo Pergolesi noch heute gern wie Brahms gespielt wird. Mit Music Aeterna aber hat sich Currentzis als Chefdirigent in Nowosibirsk ein Ensemble gegründet, das den Vergleich mit den westlichen Pendants nicht scheuen muss.

So vibriert dieser „Figaro“ vor Spannung und wartet mit Sängerinnen und Sänger auf, die dem schlanken Klangideal des Dirigenten entsprechen. Das geht auf Kosten einer Sinnlichkeit: Ausgerechnet die Barockdiva Simone Kermes lässt der Gräfin wenig Liebesglut zukommen. Das schmälert aber die Qualität dieses Revoluzzer-„Figaros“ kaum: An ihm müssen sich andere Aufnahmen messen lassen. Bleibt die Frage, was Currentzis aus Mozarts zynischer Gesellschaftssatire „Così fan tutte“ macht, und was aus dem düsteren Verführer „Don Giovanni“, die im Herbst 2014 und im Frühjahr 2015 folgen.

Le nozze di figaro. Teodor Currentzis, Music Aeterna. Sony.


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