Osnabrück zeigt russische Konstruktivisten Himmelsstürmer der Avantgarde


Osnabrück. Sie kämpften mit Rot und Gelb, mit Kreis und Dreieck für den Fortschritt – Russlands Konstruktivisten der Zwanzigerjahre des letzten Jahrhunderts. In Osnabrück ist jetzt zu sehen, wo die Himmelsstürmer der Kunst landeten – beim Corporate Design mit Stickern für eine Fluglinie zum Beispiel.

Dabei konnte es den Suprematisten, wie sich diese Künstler nach ihrem großen Vorbild Kasimir Malewitsch nannten , gar nicht hoch genug hinausgehen. Wassili Jermilow entwirft 1924/25 aus vertikalen Rechtecken in Schwarz, Weiß und Rot das Modell eines Monuments für „Drei russische Revolutionen“. Wie Jermilow oder Ilja Tschaschnik, der 1927 das „Projekt eines suprematistischen Monuments“ auf Papier zeichnet, zielen die Künstler auf eine Kunst als revolutionärer Bewusstseinserweiterung für den neuen Sowjetmenschen – und sehen sich dabei als Konstrukteure einer revolutionär umgestalteten Gesellschaft.

Das Osnabrücker Felix-Nussbaum-Haus zeigt jetzt 110 Exponate aus dem Bestand der Sepherot Foundation in Liechtenstein. Mit Entwurfszeichnungen, Fotos, Collagen und Produktdesign beschränkt sich der Überblick weitgehend auf die angewandte Kunst. Allerdings sind mit Alexander Rodtschenko, El Lissitzky oder eben Kasimir Malewitsch einige Superstars der Avantgarde vertreten. Nicht nur ihre Arbeiten sorgen dafür, dass aus dieser Versammlung von Kleinformaten genau jenes Panorama avantgardistischer Veränderungsfantasien ersteht, das die Kunst der Moderne so nachhaltig prägen sollte.

Dabei mutet der Enthusiasmus dieser Künstlergeneration heute naiv an. Mit dem minimalistisch strengen Vokabular aus Primärfarben wie Rot und Gelb oder geometrischen Grundformen von Dreieck bis Kreis entwickeln diese Künstler eine rigide Formensprache für jede Gestaltungsaufgabe - von Revolutionsmonument bis Manschettenknopf. So wirkt der von Ilja Tschaschnik 1925 mit schwarzem Dreieck und knallrotem Kreis entworfene „Bücherkiosk“ wie ein Zukunftsfanal. Kasimir Malewitschs Teekanne aus schneeweißem Porzellan zeigt mit dynamisch geschwungenem Bug die Kontur einer Dampflokomotive. Kein Wunder, dass sich El Lissitzky auf einer Fotomontage als Gefüge aus Kopf, Zirkel und Millimeterpapier entwirft (kleines Foto): Künstler sind die Planer der neuen Sowjetgesellschaft – zumindest, bis stalinistische Funktionäre die abstrakte Formenwelt der Avantgarde durch den Sozialistischen Realismus als offizieller Kunstsprache ersetzen. Von diesem Zusammenprall von Avantgarde und Ideologie erzählt die Ausstellung hingegen nichts.

Dafür macht sie plausibel, welche Antriebskräfte die Avantgarde auf einem ganz anderen Feld als dem der Gesellschaftsreform entwickelt hat – dem des internationalen Produktdesigns. Rodtschenkos Manschettenknöpfe und Sticker mit dem Flugzeugmotiv einer Fluglinie aus den Zwanzigern wirken heute als Vorläufer einer Corporate Identity. Andere Exponate verweisen allerdings auch auf die Problemzonen einer Kunst als Gesellschaftsreform. Ilja Tschaschniks „Organisationsschema“ für ein Kino von 1925 zeigt, wie sich abstrakte Kunst zur rigiden Herrschaftsgeste verwandeln kann. Ob Wassily Jermilow genau dagegen 1921 protestieren wollte? Er baut eine abstrakte Bildkomposition so aus Teller, Brot und Messer, dass sie wie eine Persiflage auf das Emblem mit Hammer und Sichel wirkt. So ironisch konnte Avantgarde also auch sein.

Osnabrück, Felix-Nussbaum-Haus: „für den neuen menschen“. Russisches Avantgarde-Design. Ideen, Entwürfe, Gestaltung. Eröffnung: Sonntag, 23. Februar, 11.30 Uhr. Bis 25. Mai. Di.–Fr. 11–18 Uhr, Sa., So. 10–18 Uhr. www.osnabrueck.de/fnh


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