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17.02.2014, 16:23 Uhr KOLUMNE

Rundgang durch die Akademie Düsseldorf

Von Dr. Stefan Lüddemann



Düsseldorf. Künstler haben Erfolg. Wenn sie auffallen. Doch wie machen sie das? Hier die wichtigsten Strategien - beobachtet in der Kunstakademie Düsseldorf.

Diese Geschichte gehört zu Kunst: Sie handelt vom Durchbruch des verkannten Genies. Oder von den vielen Genies, die unentdeckt bleiben. Doch wie können Künstler dafür sorgen, dass sie entdeckt werden? Eine gute Gelegenheit dafür bieten Rundgänge in Kunstakademien. Die Studierenden zeigen dann ihre Arbeiten und hoffen darauf, dass Kuratoren, Galeristen oder Sammler auf ihre Arbeiten aufmerksam werden. In der Kunstakademie Düsseldorf hat der alljährliche Rundgang gerade stattgefunden. An vier Tagen drängten sich 45000 Besucher an den Werken von 700 Studierenden vorbei. Doch was bleibt von diesem Überangebot hängen? Hier einige Werke, die beispielhaft für jene Strategien stehen, die Aufmerksamkeit sichern sollen - in natürlich ironisch zugespitzten Anmerkungen:

Überfällige Zeitkritik üben: Was sieht hässlicher aus als eine Reihe abgeschlaffter Couch-Potatos? Nachwuchskünstler Maximilian Siegenbruk hat begriffen, dass Kritik immer dann besonders gut ankommt, wenn sie eine ohnehin schon vorhandene Mehrheitsmeinung trifft. Siegenbruk zeigt sein Fries der Hingeflätzten als Breitbandformat über der Tür der Klasse von Prof. Siegried Anzinger - ein ganz schön heftiger Auftritt. Nachteil der Strategie: Aufmerksame Beobachter lassen sich von so viel bild gewordenem Opportunismus nicht täuschen.

Mit der Illusion spielen: Ein offener Kühlschrank an der Wand? Das verblüfft - auf den ersten Blick jedenfalls. In der Klasse Thomas Grünfeld bringt Astrid Styma nicht nur den Kühlschrank an die Wand, sie stellt auch einen Kubus als Sitzhocker in den Raum - als Fake natürlich. So viel verblüffend reale Nachahmung der Wirklichkeit wirkt cool, vermittelt das Gefühl einer überlegenen Sicht der Dinge. Und in der Tat: Vor diesen Werken drängelten sich die Besucher. Nachteil der Strategie: Der Verblüffungseffekt nutzt sich schnell ab.

An Ängste appellieren: Was kommt da hinter dem Baum hervor? Richtig, ein Wolf, der ziemlich kompromisslos die Zähne fletscht. Vor dem Baum duckt sich das verschreckte Kaninchen. Und die ganze Szenerie ist in giftigen Neontönen gehalten. Ganz klar: Das Bild von Jenny Schneider ruft Ängste auf. Zumindest bei schreckhaften Gemütern. Kunst wird so zur Warnung, auch wenn niemand weiß wovor eigentlich. Dennoch fällt das Bild ins Auge. Nachteil der Strategie: Kunst erscheint als Pnaikmache. Und wer mag das schon?

Gleich Mode machen: In der Klasse Georg Herold zeigte Katharina Beilstein eine ganze Reihe von Plastiken, die wie eine ziemlich überdrehte Schuhkollektion aussehen. Die Methode ist klar: Hier wird die Kunst geöffnet - zur Mode, zum Leben, zu jeder Form von Anwendung. Solche Arbeiten können sich des Beifalls sicher sein. Sie sorgen für Amüsement. Sie zeigen, dass Kunst am Ende alles sein kann. Auch ein fröhlicher Zeitvertreib. Nachteil der Strategie: Kunst löst sich so in bunte Unverbindlichkeit auf.

Den Markt bedienen: Nicht nur die Klasse von Starfotograf hat diesen Bogen raus. Die Studierenden präsentieren sich zum Rundgang mit einer eigenen Edition. Die Kassette mit einer ganzen Reihe von Blättern kostet 3000 Euro. Die Edition der Klasse Siegfried Anzinger ist dagegen schon für 1200 Euro zu haben. In der Klasse Gursky präsentiert die Studentin die Kassette profihaft. Sie zieht weiße Handschuhe über, um die Blätter zu präsentieren und steht bei dieser kleinen Performance in einem Counter-Möbel von Jens Kothe. Die Kunst schafft sich so ihren eigenen Verkauf und ironisiert ihn zugleich. Nachteil der Strategie: Es gibt keinen. Diese Strategie trifft die Wirklichkeit der Kunst und gelingt erst recht dann, wenn sie mit ironischem Unterton ausgeführt wird.

Berühmte Vorbilder zitieren: Es gibt sie immer wieder - jene Arbeiten von Nachwuchskünstlern, die sichtbar berühmten Vorbildern nacheifern. Lars Julien Meyer nennt „Justitia“, was mit seinen Rädern und Riemen wie eine der Plastiken aussieht, die früher Jean Tinguely gebaut hat. Das ganze Ding bewegt sich obendrein. Kinetische Kunst!, ruft da der Kunstexperte. Das Problem: Das alles gab es schon. Für einen Akademierundgang ist so ein Zitat ein seltsames Erlebnis - auch wenn es sich eindrucksvoll ausnimmt. Nachteil der Strategie: Nach einem ersten Wiedererkennungseffekt bleibt jur ein schaler Nachgeschmack. Mehr nicht. Deshalb auf keinen Fall zur Nachahmung empfohlen.

Die Sättigungsbeilage reichen: Klara Kayser geht den direkten Weg. Sie reicht die Sättigungsbeilage - in der Form eines aufgeschnittenen Brotleibes aus Kunststoff. Die Künstlerin ist so gewitzt, das Spiel mit der wirklichen Nahrung noch sarkastisch zu unterlaufen. Der künstliche Brotlaib weist die typisch grünen Schimmelflecken auf. Kunst simuliert den organischen Verfallsprozess, bleibt selbst als Objekt aber über alle Zeit hinweg vollkommen intakt. Listig. Nachteil der Strategie: Diese Strategie ist ausgeklügelt, aber bei Claes Oldenburg abgekupfert. Außerdem: Wo bleiben da die höheren Werte der Kunst?

Das wäre er, der kleine Rundgang durch die Akademie und durch die Strategien, Kunst als Kunst zu positionieren. Kunst ist schließlich nicht einfach so Kunst, sondern lebt wesentlich auch von ihren Kontexten und den Strategien, mit denen sie platziert wird. Was Studierende einer Akademie gelernt haben, sieht man nicht nur an ihren Objekten, sondern auch an den Verfahren, mit denen sie versuchen, das Gut zu erlangen, auf das es gerade Künstler vor allem abgesehen haben müssen - die Aufmerksamkeit ihrer Betrachter und Käufer.


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