Berlinale zeigt Dokumentation Hitchcock und die Bilder aus dem KZ


Berlin. In „Berüchtigt“ planen Nazi-Verschwörer den Tod von Ingrid Bergman. Beim „Cocktail für eine Leiche“ feiern selbst ernannte „Übermenschen“ einen Willkürmord: Faschismus-Motive verwendet Alfred Hitchcock in mehr als einem Film. Mit den realen Bildern des Grauens hatte er Kontakt, als er 1945 mit Aufnahmen aus befreiten KZ arbeitete. Die Berlinale zeigt die Rekonstruktion der nie gezeigten Doku „German Concentration Camps Factual Survey“.

Bei allem Glamour drum herum sieht sich die Berlinale gern als politisches Festival. Das war nicht immer so. Der Eröffnungsfilm der allerersten Festivalausgabe 1951 war „Rebecca“ – der wegen des Krieges sehr verspätet nach Deutschland kam. Alfred Hitchcock hatte das vollkommen unpolitische Schauermelodram schon 1940 gedreht. Es war der erste US-Film des Briten, nachdem ihn die amerikanische Filmindustrie aus England weggelockt hatte.

Während sich Hitchcock in Beverly Hills mit Frau und Kind einrichtete, war London schon von deutschen Bomben bedroht. Familienmitglieder waren in England geblieben, vor allem um seine Mutter machte sich der Regisseur große Sorgen. Nach Hollywood verpflanzen lassen wollte sich die alte Dame nicht. Hitchcock blieb nichts anderes übrig, als auf seine Art mit der Angst fertig zu werden: Filme drehen.

Die patriotisch eingefärbten Hitchcock- Filme nach „Rebecca“ sind – aus verschiedenen Gründen – keine Klassiker geworden. Sie heißen „Der Auslandskorrespondent“, „Saboteure“ und „Das Rettungsboot“. Wer Hitchcock für einen unpolitischen Filmemacher hält, kennt diese Werke nicht. Das Meisterstück „Lifeboat“ (1944) wurde nach der Premiere vom Produzenten versenkt, weil der rundlich-gemütvolle Deutsche, der seine amerikanischen Mitschiffbrüchigen austrickst und das Oberkommando über die auf dem Atlantik treibende Nussschale gewinnt, zu wenig dem gewünschten Klischee-Nazi entsprach.

Gewitzte Dialoge, raffinierter Spannungsaufbau – Hitchcock konnte Geschichten erzählen. Aber Dokumentarfilme konzipieren? Im Berlinale-Forum hat jetzt ein Film Premiere, an dessen Herstellung Hitchcock beteiligt war. Was Hitchcock 1945 im Schneideraum in London vorgeführt bekam, war ein Schock für den Meister der Spannung: verstörende Aufnahmen, von alliierten Kamerateams in befreiten Konzentrationslagern wie Bergen-Belsen, Dachau, Buchenwald oder anderen gedreht, Bilder von Sterbenden und Leichen, Berge von Haaren, Brillen, Kleidungsstücken.

Das alliierte Vorhaben, den Deutschen ihre Schuld vor Augen zu halten, wurde aber schnell gekippt. Vor allem die Amerikaner wollten den deutschen Wiederaufbau nicht stören. Jetzt ist der Film von Mitarbeitern des Londoner Imperial War Museum wiederhergestellt worden und wird unter dem Titel „ German Concentration Camps Factual Survey“ erstmals komplett aufgeführt. Zu sehen ist allerdings eine Fassung, die nach einigem Hin und Her für das britische Publikum gedacht war und zunächst unfertig im Archiv verschwand.

Hitchcocks Mitarbeit dauerte etwas mehr als einen Monat. Wie weit er dabei mitreden konnte und wollte, wird wohl nie zu klären sein. Als der Regisseur nach Hollywood zurückkehrte, igelte er sich zunächst ein, betrat das Studio für eine Woche nicht. Hitchcock musste die Bilder offenbar erst einmal verarbeiten. Ob er das auch mit späteren Filmen tat, ist eine interessante Frage. Nach dem KZ-Schock feilte Hitchcock noch am Drehbuch von „Berüchtigt“ (1946), seinem letzten Film mit Nazi-Personal. Eine Handvoll Nibelungentreuer sinnt von einer Villa in Rio aus Rache für den Untergang ihres Regimes. „Notorious“ ist ein Film, in dem die Notlage der Heldin besonders erschütternd gestaltet ist. Alicia (Ingrid Bergman) hat im Auftrag des CIA einen Nazi geheiratet. Als Alex Sebastian und seine Mutter von ihrer Spitzeltätigkeit Wind bekommen, beginnen sie, Alicia langsam zu vergiften. Sowohl die Mitverschwörer als auch Alicias Auftraggeber dürfen nichts bemerken.

Mutter Sebastian, die mit ihrer Zopffrisur aussieht wie eine gealterte Magda Goebbels, hat die Idee: „Alicia wird sich frei bewegen können, niemand wird etwas merken, dann wird sie leider krank, bis…“. Die Parallele zur sukzessiven Entmündigung, Deportation und Ermordung der europäischen Juden drängt sich durchaus auf.

In die deutschen Kinos kam „Weißes Gift“ – so der Titel der Erstsynchronisation – wiederum 1951. Aus den Nazis war im deutschen Dialog ein Drogenring geworden! Heute erstaunt, dass Hitchcock, als er von dieser Verfälschung hörte, damit einverstanden war. Mit dem realen Horror wollte er offenbar nichts mehr zu tun haben. Und mit den Nazis war er wohl auch durch.


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