Ralph Fiennes als Witwentröster Berlinale-Auftakt: Andersons „The Grand Budapest Hotel“



Berlin. Die 64. Berlinale beginnt mit einer Feier des Erzählens: US-Regisseur Wes Anderson, der schon zweimal im Wettbewerb vertreten war, eröffnet das Festival mit der Premiere von „The Grand Budapest Hotel“, einer starbesetzten Schelmengeschichte aus der Zeit zwischen den Weltkriegen.

Verschachtelter kann man einen Film nicht anfangen: Eine Leserin geht zum Gedenkstein ihres Lieblingsromanciers, der den Roman „The Grand Budapest Hotel“ geschrieben hat. Der Film springt in der Zeit zurück und lässt eben diesen Autor über die Entstehungsgeschichte seines Meisterwerks sprechen. Noch ein Zeitsprung, und wir sehen den Autor als jungen Mann im Grand Budapest Hotel – wo ihm Zero Moustafa, der greise Besitzer des Hauses, sein Lebensabenteuer beichtet. Nachdem Wes Anderson ein weiteres Mal die Uhr zurückdreht, befinden wir uns zu Anfang der 30er-Jahre im k.u.k. Fantasieland Zubrowka – und hier endlich kann die Geschichte beginnen.

Zero Mustafa ist noch fast ein Kind und gerät als Hotelpage an den Concierge Gustave. Der leitet die Bediensteten des Hauses in strenger Würde und steigt nachts mit reichen Greisinnen ins Bett. Eine davon, Madame D., wird mit Strychnin ermordet, macht Gustave vor ihrem Tode noch zum Erben eines überaus wertvollen Gemäldes – und hetzt ihm damit versehentlich ihre ebenso gierige wie mörderische Verwandtschaft auf den Hals. Zero und Gustave stehlen das Bild, kommen ins Gefängnis, überlisten einen Auftragskiller und ahnen in ihren raren Atempausen, dass der anbrechende Krieg und der Terror finsterer Polizeistaatsschergen gerade ihr Goldenes Zeitalter beendet.

Schriftsteller denken sich nichts aus, Schriftsteller geben weiter, was man ihnen zuträgt. Das sagt der fiktive Autor von „The Grand Budapest Hotel“ in einer der äußersten dieser ineinandergeschachtelten Erzählungen. Wes Anderson dagegen führt vor: Wenn man nur ausreichend viele Erzählebenen aufeinanderschichtet, ist der Unterschied zwischen wahr und erfunden gar nicht mehr so groß. Denn beim Fluchtabenteuer von Gustave und seinem Eleven Zero sind wir nicht im wahren Europa zwischen den Weltkriegen und auch nicht bei Stefan Zweig, auf dessen Bücher der Regisseur sich im Abspann beruft. Wir sind im Herzen der Wes-Anderson-Welt – wo Grandhotels sich wie die Pappkulisse eines Puppentheaters ins Bild schieben, wo Schauspieler Spielfiguren sind, Fantasie und Geschichte einen Fundus wunderschöner Kostüme bereithalten und wo es nicht eine Sekunde langweilig ist.

Genauso wie Anderson sich Zweigs Motivschatz plündert, bedient er sich in der Filmgeschichte: „The Grand Budapest Hotel“ übernimmt Standardsituationen von Caper- und Gefängnisfilm, er zeigt Verfolgungsjagden auf dem Schlitten im Slapstick-Zeitraffer und setzt den 30er-Jahre-Teil seiner Geschichte ins historische Bildformat. Die Figuren sind allesamt brillant inszenierte Archetypen: Ralph Fiennes ist als Gustave ein Filou zwischen Salon-Eleganz und vulgärem Ausbruch, Tony Revoloris Zero ein Bilderbuch-Schelm, Willem Dafoe ein Comic-Killer, Edward Norton der Großbürger in Uniform, Adrien Brody der selbstherrliche Adelsspross.

Dass hier überhaupt jede Rolle mit einem Superstar besetzt ist, macht den Spielcharakter des ganzen Unternehmens umso offensichtlicher. Tilda Swinton (53) gibt das 84-jährige Mordopfer gar unter einer pfundschweren Altersmaske.

Aber so wie Gustave seine zahlungskräftigen Liebhaberinnen vielleicht doch auch ehrlich begehrt, so steckt auch in Andersons lustigem Spiel mit dem Erzählen viel Wahres. Die Zerstörung historischer Pracht durch die Nazis, ihr endgültiger Verfall im Ostblock – all das ist hier präsent: als Bausteine der kollektiven Erinnerung, mit der wir uns die Gegenwart erklären. Und das im Fall von Wes Anderson auf die unbeschwerteste Weise.

Top-Stars und Tempo, ein A-Regisseur mit Berlinale-Geschichte, Studio Babelsberg als Ko-Produzent – der Film hat alles, was ein Auftakt für das Festiva l braucht. Auch als Eröffnungsfilm erweist sich dieser charmante Beitrag als gute Wahl.


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