Heute wäre Alfred Andersch 100 geworden Bittere Kirschen der Freiheit


Osnabrück. Mit „Sansibar oder der letzte Grund“ schrieb er einen Schulbuchklassiker. Als Herausgeber von „Texte und Zeichen“ avancierte er zum Strippenzieher der Nachkriegsliteratur. Alfred Andersch galt als Musterfall der Aufarbeitung des Dritten Reiches – bis zum Literaturskandal um sein Verhalten in Diktatur und Krieg. Heute wäre er 100 Jahre alt geworden.

Schon 1952 hatte Andersch in „Die Kirschen der Freiheit“ seine Desertion aus der Wehrmacht als Akt der Freiheit und des Widerstands gefeiert – eine Provokation für das verstockte Adenauer-Deutschland. In „Sansibar oder der letzte Grund“ (1957) versammeln sich fünf Menschen im fiktiven Ostseehafen Rerik. Sie sind auf der Flucht vor den Nazis. Emigration, Widerstand, Resignation? Am Ende entscheiden sie sich alle anders. Aber der Autor Alfred Andersch umkreist sein Lebensthema: Die existenzielle Ausnahmesituation der freien Wahl ruft den Menschen zum mutigen Entschluss auf – in praktisch jedem Andersch-Roman.

Der 1914 in München geborene Autor stand für den literarischen wie moralischen Neuanfang der Literatur nach 1945. Als Rundfunkredakteur und Herausgeber der Zeitschrift „Texte und Zeichen“ avancierte er zum geschicktesten Netzwerker der „Gruppe 47“ – nach Hans Werner Richter natürlich. Doch 1993, dreizehn Jahre nach seinem Tod am 21. Februar 1980 im schweizerischen Berzona, bekam das lupenreine Image des Autors Andersch einen hässlichen Riss. Ausgerechnet W.G. Sebald („Austerlitz“), wie Andersch Spezialist der literarischen Spurensuche in Sachen NS-Verfolgung , zieh Andersch der persönlichen Feigheit und der Manipulation der eigenen Biografie.

Dass Andersch die Dauer seiner Lagerhaft im KZ Dachau weit übertrieben und auch bei der Schilderung seiner Desertion 1944 die wahren Geschehnisse heroisch verklärt habe, waren noch die milderen Vorwürfe. Der wirklich schmerzhafte Punkt: Andersch habe sich von seiner halbjüdischen Ehefrau Angelika 1943 scheiden lassen, um im Literaturbetrieb des Dritten Reiches Vorteile zu erlangen , sie aber später in amerikanischer Kriegsgefangenschaft als „my wife“ reklamiert, um sich in das rechte Licht des Widerständlers zu rücken. Damit nicht genug. Indem er in „Sansibar“ Gregor, die Hauptfigur, seine Ehefrau Judith retten lasse, habe Andersch seine peinliche Lebensgeschichte literarisch zurechtgebogen. Sebald versetzte damit dem Gewissensautor Andersch den Todesstoß – dachte er.

Netzwerker der Literatur

Seitdem ist aus dem Literaturskandal eine Fachdebatte der Germanisten geworden. Andersch-Nachkommen ließen die Dokumente durch Historiker prüfen, Magazine schieben ab und an noch eine zugespitzte Geschichte nach. Der „Sansibar“-Roman hält sich in Lehrplänen. Sein vor immerhin 34 Jahren verstorbener Autor ist aus dem Bewusstsein einer weiteren Öffentlichkeit verschwunden.

Das gilt trotz seines Gedichts „artikel 3 (3)“, mit dem Andersch 1976 gegen den Radikalenerlass protestierte und darin die „Hetzjagd auf Kommunisten“ mit der Vergasung der Juden verglich. Seit Rolf Hochhuths Theaterstück „Stellvertreter“ (1962) hatte kein literarischer Text mehr zu so heftigen Erschütterungen im öffentlichen Bewusstsein geführt – und es sollte bis Günter Grass’ Gedicht „Was gesagt werden muss“ (2013) auch kein weiterer mehr folgen.

Der Bedarf an Autoren als moralischen Instanzen hat spätestens seit den Enthüllungen um die SS-Mitgliedschaft von Günter Grass spürbar nachgelassen. So interessiert auch Andersch heute weniger als Widerständler. Stattdessen liefert er das Musterbeispiel für einen Autor, der nicht nur mit seinen Büchern beeindruckte, sondern auch als meisterhafter Netzwerker des Literaturbetriebes. Andersch hat sich bestens auf die feinen Unterschiede der Einflussnahme im literarischen Feld verstanden.

Auch als Autor wäre er neu zu entdecken. Es geht nicht länger darum, seine Texte nur nach dem Grad ihrer biografischen Wahrhaftigkeit oder ihrer moralischen Überzeugungskraft zu messen. Was taugen die Romane als Sprachkunstwerke? Wäre etwa der Roman „Die Rote“ über die Selbstbefreiung einer Frau anders zu lesen denn als der Trivialroman, den Kritiker in ihm sahen?

Zugleich wartet Anderschs künstlerisch bester Roman weiter auf eine breite Leserschaft. „Winterspelt“ (1974) ist ein Geheimtipp geblieben . Die Geschichte um einen Wehrmachtsoffizier, der den Versuch unternimmt, sein Bataillon den Amerikanern kampflos zu übergeben und so den Krieg wenigstens an einem Ort zu beenden, liefert das Denkspiel eines Friedens aus dem freien Entschluss des Individuums – ein typisches Andersch-Thema. Aber Andersch entwirft mehr, nämlich ein kristallines Beziehungsspiel faszinierender Charaktere in perfekter Sprache. Dieser Roman ist so klar gebaut wie Paul Klees Aquarell „Polyphon gerahmtes Weiß“, das in dem Roman eine zentrale Rolle spielt. Ein zweites Mal nach der Barlach-Skulptur „Lesender Klosterschüler“ in „Sansibar“ spielt ein Kunstwerk bei Andersch die Rolle des Botschafters der Humanität. Auch das ist ein schöner Spannungsbogen für ein Lebenswerk.


Alfred Andersch: Leben und Werk Alfred Andersch wurde am 4. Februar 1914 in München geboren. Andersch trat als Jugendlicher dem kommunistischen Jugendverband bei und wurde deshalb 1933 im Konzentrationslager Dachau inhaftiert. 1943 wurde er zum Kriegsdienst eingezogen. 1944 desertierte Andersch aus der Wehrmacht. Nach Kriegsende arbeitete der Autor als Rundfunkredakteur und als Herausgeber von Zeitschriften. Als Talentförderer setzte sich Andersch für Autoren wie Hans Magnus Enzensberger, Arno Schmidt und andere ein. Andersch, Mitglied in der „Gruppe 47“, landete mit dem 1957 erschienenen Roman „Sansibar oder der letzte Grund“ einen Klassiker der Nachkriegsliteratur. Bekannt wurde er auch mit seinem Bericht „Die Kirschen der Freiheit“ (1952) und mit dem Roman „Die Rote“. Sein Roman „Winterspelt“ (1974) ist sein literarisches Spätwerk. Alfred Andersch trat auch mit Essays, Gedichten und Hörspielen hervor. Ab 1958 lebte der Schriftsteller im schweizerischen Berzona. Dort starb er am 21. Februar 1980. lü

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