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Manifeste der Menschlichkeit Osnabrück zeigt Vordemberge-Gildewart


Osnabrück. Osnabrück präsentiert seinen großen Sohn, den Konstruktivisten Friedrich Vordemberge-Gildewart – als Gastspiel. Mit 60 Werken stellt das Museum Wiesbaden den Löwenanteil einer Schau, die bereits im Dezember in der hessischen Landeshauptstadt Premiere hatte und nun in Osnabrück gezeigt wird. Was ist neu in Osnabrück? Eigentlich nur die Konfrontation Vordemberges mit Felix Nussbaum.

Die Osnabrücker Museen, Felix-Nussbaum-Haus und das Kulturgeschichtliche Museum, können das Konvolut aus Hessen nur mit einer Handvoll Gemälden sowie einigen Möbeln und einem Wandrelief ergänzen. Osnabrück bietet damit seinen schmalen Gesamtbestand von Werken des Künstlers auf. Friedrich Vordemberge-Gildewart (1899–1962) zählt zu den Klassikern der konstruktiven Kunst. Jahrhundertstars wie Piet Mondrian oder Theo van Doesburg erkannten ihn als einen der ihren an. Als Mitglied der Avantgardegruppe „De Stijl“ sorgte Vordemberge-Gildewart für Furore – und zwar als Multitalent. VG, so der Kurzname des Künstlers, prägte mit Gemälden, typografischen Gestaltungen, Plakaten und Architekturplänen sowie Möbelentwürfen eine ganz eigene Spielart der konstruktiven Kunst.

Osnabrück bietet jetzt dieses Spektrum eines international bekannten Künstlers, dessen Werke heute in den Museen der Welt zu Hause sind. Allerdings setzt Inge Jaehner, Direktorin des Felix-Nussbaum-Hauses, nur einen wirklich neuen Akzent. Im letzten Raum der über die Obergeschosse beider Museen ausgedehnten Ausstellung konfrontiert sie Vordemberge-Gildewarts abstrakte Komposition „K 129“ von 1941 mit Felix Nussbaums Spätwerken „Triumph des Todes“ von 1944 und „Die Verdammten“ von 1943/44. Hier das zerbrechlich zarte Gefüge aus hauchfeinen Dreiecken, dort die figurativ handfesten Trauersinfonien vom Leid der Verfolgten, die kurz vor Nussbaums Tod im Konzentrationslager entstanden – wie passt das zusammen?

Künstler im Kontrast

Bestens – gerade im scharfen Kontrast. Die Ausstellung zeigt fast nebenbei, dass Osnabrück mit Felix Nussbaum und Friedrich Vordemberge-Gildewart gleich zwei Künstler hervorgebracht hat, die Exil und Verfolgung durchlebt und in denkbar unterschiedlicher Weise künstlerisch auf dieses extreme Erlebnis reagiert haben. In den Werken der beiden Künstler geht es nur vordergründig um den inzwischen kunsthistorisch abgearbeiteten Konflikt von gegenständlicher und abstrakter Kunst.

Aus der Perspektive der existenziellen Herausforderung erweisen sich beide künstlerischen Konzepte als tragfähig und authentisch. Nussbaum verarbeitet das Grauen in finsteren Symbolbildern, auf denen Totengerippe auf dem Gerümpel einer in der Barbarei versunkenen Zivilisation tanzen. Vordemberge setzt seine luziden Kompositionen als humane Gegenwelten gegen den grausamen Irrwitz der Epoche. Im Amsterdamer Exil erfindet er Bilder, die von Mal zu Mal immer zarter und feiner werden. Diese Kunst bildet das Grauen der Wirklichkeit nicht ab, sie setzt der Unmenschlichkeit Bilder entgegen, die wie Gleichnisse einer humanen Alternative wirken. Das Schwarz eines der Dreiecke auf „K 129“ darf als Trauerfarbe noch ganz direkt verstanden werden. Ansonsten funktioniert das Gemälde natürlich nicht als Abbild, sondern – wie immer in der Konkreten Kunst – als Beziehungsgefüge geometrischer Bildelemente.

Meister zarter Dialoge

VG hat sich mit seinen abstrakten Bildkompositionen als Meister zarter Dialoge und delikater Relationen erwiesen. Seine abstrakte Bildkunst ist weniger dogmatisch etwa als die Piet Mondrians, zugleich aber kaum weniger konsequent durchgearbeitet. Ein Gefüge aus Quadraten und Dreiecken, die Nichtfarben Schwarz und Weiß sowie die Primärfarben Gelb, Rot und Blau – mehr braucht es nicht, um mit „K 116“ von 1940 ein Wunder an Leichtigkeit und Transparenz zu inszenieren. VG setzt die Bildenergien, die von Farben und Formen ausgehen, mit beiläufiger Nonchalance in Szene. Erst beim zweiten Hinsehen wird klar, wie durchdacht der Künstler Farben und Richtungsenergien aufeinander bezogen hat. Rund um dieses Gemälde – es gehört zu den besten seiner Art im 20. Jahrhundert – bieten Zeichnungen und Skizzen Stoff für einen Blick in seine Werkstatt.

Ist dieser kleinste Raum schon der überzeugendste der ganzen Ausstellung? Vielleicht. Denn die anderen Räume bieten die auch aus Wiesbaden bekannten Schwerpunktsetzungen. Inge Jaehner hat den Oberlichtsaal des Kulturgeschichtlichen Museums als VG-Starparade gestaltet. Zwölf Gemälde, darunter vier aus dem Osnabrücker Bestand, bieten einen guten Überblick über die Bildkunst Vordemberges. Dazu sind auf Podesten jene Wohnzimmermöbel postiert, die VG 1928 für die Osnabrücker Familie Seelig fertigte – Musterbeispiele für eine geometrisch klare Funktionalität. Plakate, Typografie, dazu Fotos von Schaufenstergestaltungen: Die Ausstellung zeigt das erwartbare Panorama.

Zum 50. Todesjahr des Künstlers – in Osnabrück als „VG-Jahr“ gestaltet – bietet die Schau einen soliden Überblick. Thesen für eine künftige Beschäftigung mit dem Künstler lassen sich daraus kaum ableiten. Leider.

Osnabrück, Felix-Nussbaum-Haus, Kulturgeschichtliches Museum: „nichts – und alles“. Der De-Stijl-Künstler Friedrich Vordemberge-Gildewart. Eröffnung: Sonntag. 16. Juni, 11.30 Uhr. Bis 6. Oktober. Di–Fr, 11–18 Uhr, Sa, So, 10–18 Uhr. www.osnabrueck.de


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