Körber-Stiftung legt Studie vor Interesse an klassischer Musik schwindet

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Osnabrück. Steckt die klassische Musik mal wieder in der Krise? Eine Forsa-Studie der Hamburger Körber-Stiftung hat ergeben: Nur jeder fünfte Deutsche hat im vergangenen Jahr ein Klassikkonzert besucht, von der Generation U 30 gar nur jeder zehnte. Christoph Lieben-Seutter, der Hamburger Generalintendant der Elbphilharmonie, ist trotzdem zufrieden, Jan Boecker vom Konzerthaus Dortmund ebenfalls. Aber sie erkennen Handlungsbedarf.

Für die allermeisten Deutschen zählt Ludwig van Beethovens Neunte selbstverständlich zum bedeutenden Kulturgut der Menschheit, genauso wie Johann Sebastian Bachs „Kunst der Fuge“ oder die Streichquartette von Anton Webern. Das bestätigt eine Studie , die Forsa im Auftrag der Körber-Stiftung durchgeführt hat: 88 Prozent der 1006 Befragten rechnen klassische Musik zum wichtigen kulturellen Erbe. So weit die Theorie.

Im Konzertsaal offenbart sich die bittere Realität hinter der ideellen Wertschätzung: Da ist nämlich nur noch jeder Fünfte zugegen, und von den Unter-30-Jährigen findet nur jeder Zehnte den Weg ins Konzerthaus. Die Klassikbranche leitet unter der Überalterung des Publikums.

„Das ist ein Thema, das uns bewegt“, sagt Jan Boecker vom Konzerthaus Dortmund. „Wir versuchen Schwellen abzubauen“, ergänzt er. Wie wichtig das ist, belegt die Studie ebenfalls: Mehr als die Hälfte der jungen Menschen hat keinen Kontakt zur klassischen Musik, und 45 Prozent nehmen nicht einmal die Werbung der Konzerthäuser wahr. Dortmund macht zum Glück andere Erfahrungen.

Als Benedikt Stampa 2006 die Leitung des Konzerthauses übernahm, legte er die Reihe „Junge Wilde“ auf. In ihr präsentiert das Konzerthaus junge Musiker, die neben der ihrer Kunstfertigkeit auch über eine charismatische Persönlichkeit verfügen: Die Sopranistin Annette Dasch zum Beispiel, die extrovertierte Geigerin Patricia Kopatchinskaja oder in der laufenden Saison der 17-jährige Klaviervirtuose Jan Lisiecki. „Wir haben einiges in die Reihe investiert“, sagt Boecker; die jungen Besucher sind dem Haus ein Marketing-Budget von 700000 Euro wert. Der Einsatz lohnt sich: Zu den Konzerten mit Einführung und anschließendem Backstage-Gespräch kommen regelmäßig über 1000 vor allem junge Besucher. „Wir haben uns eine richtige Fan-Gemeinde erarbeitet“, sagt Boecker. Wird die Klassikkrise etwa nur herbeigeredet?

Leider nein. Mittlerweile bestreitet kein Veranstalter, kein Orchestermanager, kein Konzerthaus-Intendant mehr die Notwendigkeit, Konzertreihen wie die „Jungen Wilden“ und Education-Programme aufzulegen. Dem Austausch darüber auf internationaler Ebene bietet die Köreber-Stiftung ein Forum . „Vor ein paar Jahren waren Education-Programme noch nice to have“, sagt der Intendant der Elbphilharmonie,Christoph Lieben-Seutter. Mittlerweile „gibt es keine Institution, die bei der Vermittlung nicht massiv aufgerüstet hat“.

Dabei könnte Lieben-Seutter durchaus zufrieden sein. Zwar harrt die Elbphilharmonie, wegen der Wiener 2007 nach Hamburg gekommen ist, noch ihrer Fertigstellung. Bis es so weit ist , bespielt er andere Orte mit seinen Konzertreihen und Festivals, und da ist er „guten Mutes“, sagt er. Zwar kann er sich nicht auf statistische Erhebungen stützen, aber er ist sicher: „Es ist hier anders als in den Abo-Reihen mancher situierter Orchester und Konzertveranstalter.“ Ohnehin sei „der Abgesang auf die klassische Musik so alt wie die klassische Musik selbst“. Freilich bezieht er das auf den Konzertstandort Hamburg - „es gibt sicher Orte und Orchester, die eine Überalterung verzeichnen.“

So will die Körber-Stiftung mit ihrer Studie keinesfalls Panik erzeugen. „Es ging uns um den aktuellen Stand“, sagt Kai-Michael Hartig, der Leiter des Bereichs Kultur der Körber-Stiftung. Und um die Fragen, die sich daraus ableiten: nach dem Image der klassischen Musik, nach Strategien, wie sie verkauft wird, nach der Verortung im Leben eines jeden Einzelnen.

Das teilt Lieben-Seutter: „Jeder freie Platz tut weh“, sagt er. Dann stellt er die Fragen nach Marketing und Vermittlung.

Eines ist dabei klar: Klassische Musik fordert den Hörer. Das Konzerthaus Dortmund startet dazu für die nächste Spielzeit eigens eine Kampagne, die thematisiert, was Symphonie und Streichquartett ihrem Hörer abverlangen, und Lieben-Seutter meint, „wir können ruhig stolz sein auf die Komplexität“. Trotzdem: Da durch elektronische Medien und Globalisierung „kein Stein auf dem anderen bleibt“, könne man nicht warten, dass die Leute kommen, sagt Lieben-Seutter. Stattdessen müsse man „eine Marke aufbauen, der sie vertrauen.“ Eine Besucherquote von zwanzig Prozent findet Lieben-Seutter da schon gar nicht so schlecht. „Weiter runter gehen sollte es aber nicht.“ Und Boecker ist mit siebzig Prozent Auslastung für das Konzerthaus Dortmund auch ganz zufrieden. „Im Moment läut alles gut“, sagt er. Aber was heißt das schon? Das Konzerthaus wird sich um junge Menschen kümmern, auf die Stadt eingehen, und das heißt in Dortmund eben auch: „ein halbes Auge auf den Fußball haben“.


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