Ruhani plädiert für Kulturreform Iran bekommt sein Symphonieorchester zurück

Orchester mit Sonderstatus: Das Tehran Symphony Orchestra beim Morgenland Festival Osnabrück. Foto: Egmont SeilerOrchester mit Sonderstatus: Das Tehran Symphony Orchestra beim Morgenland Festival Osnabrück. Foto: Egmont Seiler

Osnabrück. Der iranische Präsident Hassan Ruhani hat für eine Kulturreform im Iran plädiert. Als ersten Schritt versprach Ruhani die Wiedergeburt des Symphonieorchesters.

Symphonische Musik hat im Iran Tradition. Man darf dabei nicht in westlichen Kategorien und zeitlichen Dimensionen denken, aber auf eine 80-jährige Geschichte blickt das Tehran Symphony Orchestra wenigstens zurück. Vor allem Schah Reza Pahlavi suchte den Schulterschluss mit der westlichen Welt nicht nur beim Skifahren in St. Moritz, sondern auch auf kulturellem Gebiet. Deshalb errichtete er in Teheran die repräsentative Konzerhallte Vahdat, und wohl deshalb arbeitete das Orchester mit Musikern wie Yehudi Menuhin oder Isaac Stern.

Dann kam die Islamische Revolution, die schiitischen Mullahs verjagten den Schah und installierten einen islamischen Staat. Fortan stand alles, was aus dem Westen kam, unter Generalverdacht, zumal westliche Musik: Das Symphonieorchester wurde faktisch aufgelöst. Viele Musiker verließen den Iran, doch die verbleibenden versuchten, den ausgezehrten Orchesterorganismus am Leben zu erhalten. Was auch gelang: 2006 holte Michael Dreyer das Orchester zum Morgenland Festival nach Osnabrück . Der Gegenbesuch des Osnabrücker Orchesters in Teheran erfolgte 2007 - trotz massiver Widerstände durch die iranischen Kulturbehörden.

Was dem Beobachter von außen schon damals auffiel: Von 2006 auf 2007 hat sich das gesellschaftliche Klima im Iran stark abgekühlt. Ein verlässlicher Gradmesser ist dabei der Sitz des Hidschab, des Kopftuches, mit dem gläubige Muslima ihr Haar in der Öffentlichkeit verhüllen. Die Mullahs im Iran erhoben das zum Gesetz, das auch für Touristinnen und Osnabrücker Musikerinnen galt und gilt. In Tauwetterzeiten rutschte das Kopftuch bei den aufgeklärten, modernen und westlich orientierten Frauen im reichen Norden Teherans Stück für Stück nach hinten; „pro Jahr ein Zentimeter“ mehr Freiheit für die Frisur, sagten die Frauen dort mit unverhohlener Ironie. 2007 wurde das Kopftuch wieder weiter vorne getragen, und damit folgten die Frauen keiner neuen Mode, sondern sie reagierten auf die Sittenpolizei, die wieder strenger über den weiblichen Codedress wachte als noch im Jahr zuvor – Vorboten einer gesellschaftlichen Eiszeit, die auch die Kulturschaffenden, gerade in der Musikszene ergriff. Für die Musiker bedeutete das: Weniger Auftrittsmöglichkeiten, kein Gehalt mehr. 2012 verfügte Mahmud Ahmadinedschad schließlich das Ende des Orchesters.

Diesen Schritt will Ruhani nun rückgängig machen. Die Entscheidung Ahmadinedschads nannte Ruhani „sehr bedauerlich, aber wir werden das Orchester in den nächsten Monaten wieder zum neuen Leben erwecken.“ Vorbote eines kulturellen Frühlings im Iran?

Es gibt Stimmen aus Teheran, die Ruhanis Ansinnen durchaus als gutes Zeichen sehen – aber auch als taktisches Manöver. „Das Land hat so viele Baustellen, da steht das Symphonieorchester ganz hinten in der Schlange“, heißt es in einer Mail. „Außerdem wollte Ruhani politisch punkten - und Ahmadinedschad eins auswischen.“ Dennoch hat sich Ruhani zu einer liberalen Kulturpolitik bekannt: „Diese Regierung hat keine Angst vor Gelben Karten und wir sind stolz auf Persönlichkeiten wie Minister Dschannati, die sich für Freiheit einsetzen“, sagte Ruhani der Nachrichtenagentur dpa. Man könne Künstlern mit engstirnigen Vorschriften nicht vorschreiben, wie sie Kunst gestalten sollten. „Kunst ohne Freiheit ergibt einfach keinen Sinn“, sagte der Kleriker.


Von einer „Gelben Karte“ sprechen iranische Medien, wenn ein Minister dem Parlament Rede und Antwort stehen muss und die Parlamentarier mit den Antworten unzufrieden sind. Das von den Konservativen dominierte Parlament hatte diese Woche Kulturminister Ali Dschannati einbestellt und ihm ein Misstrauensvotum angedroht. Dschannati hatte sich unter anderem für eine Aufhebung der Internetzensur eingesetzt und einige kulturelle Einschränkungen als lächerlich bezeichnet.

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