Safranski im Interview: Goethes Lebenskunst „Immunsystem gegen Zumutungen“

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Autor viel gelesener Philosophen- und Dichterbiografien: Rüdiger Safranski. Foto: dpaAutor viel gelesener Philosophen- und Dichterbiografien: Rüdiger Safranski. Foto: dpa

Osnabrück. Was ist Goethe für uns heute? Im ersten Teil des Interviews mit Rüdiger Safranski sagt der Philosoph, warum ihn der Klassiker weiter fasziniert.

Früher galt Goethe als Säulenheiliger, Protestler haben ihn später vom Sockel gestürzt. Was ist Goethe für uns heute?

Goethe ist der Autor des „Faust“, der Autor von unwahrscheinlich schönen Gedichten, der Autor der „Leiden des jungen Werther“ als Liebes- und Weltschmerz-Roman, der davon erzählt, wie man unter der Last der Literatur auch selbst sein Leben verfehlen kann. Das sind unvergängliche Klassiker. Für mich machen sie den Namen Goethes unauslöschlich und prägend für unsere ganze literarische Kultur. Schon deswegen ist er da und sollte da bleiben. Mich hat besonders Goethes Leben beschäftigt, das er selbst für berichtenswert gehalten hat. Goethe hat verstanden, seinem Leben eine Gestalt zu geben, über die man immer noch nachdenken und staunen kann.

Sie zitieren Goethe mit dem Ausspruch, es ginge ihm darum, sein Leben zu einem Kunstwerk zu machen. War Goethes Leben sein größtes Werk?

Manchmal ist es mir so erschienen. Goethe hat selbst gesagt, dass er die Literatur seinem Leben unterordnet. Für ihn war die Herausforderung, dem eigenen Leben Gestalt zu geben, die noch größere Herausforderung als diejenige, schöne Dichtwerke zu hinterlassen. Was die literarischen Werke betrifft, hatte er gerade in der Anfangszeit eine derart genialisch überfließende Produktion, dass er seine literarische Tätigkeit gar nicht so richtig als Arbeit ansehen konnte. Deswegen hatte er den Eindruck, eigentlich noch gar nichts getan zu haben. Aber dann ging er nach Weimar, um etwas zu tun.

Das Leben als Kunstwerk – das meint Lebenskunst. Erinnert uns Goethe wieder an ein Lebensprojekt, das viele verfehlen?

Man wird Goethe nicht gerecht, wenn man versucht, aus seinem Werk Rezepte für das eigene Leben abzuleiten. Das habe ich auch in meinem Buch nicht gemacht. Aber er weist uns mit seinem Leben auf Themen hin, über die jeder selbst nachdenken sollte. Zum Beispiel: Wie geht man mit dem vielen um, das einen umbrandet? Goethe war in dieser Hinsicht auch ein genialer Ignorant. Bei einem Menschen mit einem so weiten Horizont muss man sich das auf der Zunge zergehen lassen. Er nahm bewusst nur so viel auf, wie er auch verarbeiten konnte. Eine seiner Redewendungen war: Ich muss produktiv darauf antworten können. Das könnte für uns heute in der Informationsgesellschaft mit ihren Vernetzungen ein neues Ideal sein. Goethe hat ein Immunsystem gegen die Zumutungen entwickelt, die ihn erreicht haben. Wir brauchen schließlich auch ein kulturelles Immunsystem, um nicht zu kollabieren. In diesem Punkt entwickelte Goethe besondere Lebensklugheit. Er machte sich eine Zeit lang ja auch den Spaß, Zeitungen erst einmal eine Woche liegen zu lassen, bevor er sie gelesen hat. Davon ist er dann allerdings wieder abgekommen.

„Man muss wissen, was man in sich hineinlässt und was nicht“: So fassen Sie Goethes Lebensklugheit zusammen. Doch wie setzt man das heute um – in einer Medienwelt, in der alles öffentlich zu sein hat?

Da ist jeder gefordert, sich den Grundsatz zu eigen zu machen, nach dem weniger mehr ist. Ich mache es auch so. Man kann nicht immer erreichbar sein. Wer für sich selbst durchsetzt, partiell nicht erreichbar zu sein, hat schon sehr viel erreicht. Die völlige Vernetzung bewahrt manche Leute aber auch davor, in ein Loch zu fallen. Der Berliner sagt: Mensch, geh in dir. War ich schon. Is och nischt los. Da greift dann eins ins andere. Leute mit hohem Medienkonsum haben zuweilen das Problem, es mit sich selbst allein nicht aushalten zu können. Es muss immer etwas laufen. Dann ist man aber auch darauf angewiesen, immer erreichbar zu sein und unablässig zu kommunizieren. Da braut sich wohl gerade eine anthropologische Revolution zusammen. Wer dann in den Lebensrhythmus Goethes eintaucht, muss ja den Eindruck haben, dass die Goethezeit eine Vorwelt ist, die unendlich weit weg liegt. Und doch kann man mit einem Sprung in dieser Welt sein und ihre liebenswerten Züge schätzen.

Auch Goethe lebte ja in einer chaotischen Zeit der Revolutionen und Umwälzungen.Auch Goethe lebte ja in einer chaotischen Zeit der Revolutionen und Umwälzungen.Auch Goethe lebte ja in einer chaotischen Zeit der Revolutionen und Umwälzungen.

Das gehört dazu. Das goethesche Leben beginnt noch in der steifen Rokoko-Kultur. Es endet mit der Eisenbahn. Goethe besorgte sich ein Eisenbahn-Modell. Er hatte zur Zeit der Revolution auch eine Spielzeug-Guillotine. Er durchlebte Epochen und machte dennoch nicht die Schotten dicht. Goethe lebte seine Polarität. Er suchte sich zu bewahren und war doch zugleich unbändig neugierig. Er war auch mit voller Seele Zeitgenosse, zugleich aber darauf bedacht, die Frage zu beantworten: Was mache ich nun mit mir? Er hat immer die Herausforderung angenommen, sich in den jeweiligen neuen Situationen auch selbst neu zu definieren.


Wer ist Rüdiger Safranski? Rüdiger Safranski wurde am 1.Januar 1945 in Rottweil geboren. Er studierte ab 1965 Germanistik, Geschichte und Kunstgeschichte in Frankfurt am Main und Berlin. 1976 wurde er promoviert, arbeitete für die „Berliner Hefte“ und ließ sich 1987 als freier Schriftsteller in Berlin nieder. Von 2002 bis 2012 moderierte er mit Peter Sloterdijk das „Philosophische Quartett“ im ZDF. Als vielfach ausgezeichneter Autor wurde er mit philosophischen Biografien einem breiten Publikum bekannt, darunter Bücher über Schopenhauer (1988), Heidegger (1994), Nietzsche (2000) und Schiller (2004).

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