Rechtestreit blockierte Werk jahrelang Zweites Leben für Oskar Schlemmer



Osnabrück. Rechtsstreit um das Künstlererbe blockierten jahrelang das Werk Oskar Schlemmers. 70 Jahre nach seinem Tod ist es nun gemeinfrei. Jetzt sind Ausstellungen wieder möglich.

Osnabrück. Gibt es einen Künstler, der mehr Tode gestorben ist als Oskar Schlemmer? Das irdische Leben des Bauhaus-Meisters und Erfinders des „Triadischen Balletts“ ging 1943 in Baden-Baden zu Ende. Erbstreitigkeiten verhinderten über Jahre, dass Bilder Schlemmers ausgestellt oder gehandelt, sein Werk erforscht, Tanzprojekte rekonstruiert werden konnten. Schlemmer starb weitere Tode – symbolisch, in und mit seinem Werk. Jetzt feiert einer der wichtigsten Meister des Bauhauses seine Wiederauferstehung. Siebzig Jahre nach seinem Tod sind die Urheberrechte an seinen Werken mit Ablauf des Jahres 2013 gemeinfrei. Damit ist eine wichtige Hürde für den Umgang mit seinem Werk gefallen.

„Wir haben jetzt die große Chance, Schlemmers Werk neu zu würdigen“, sagt dazu auf Anfrage Annette Frankenberger, Sprecherin der Stuttgarter Staatsgalerie. Das Museum beherbergt rund 250 Gemälde, Grafiken, Kostüme und Figurinen des gebürtigen Stuttgarters Oskar Schlemmer. Jetzt soll wieder möglich sein, was es zuletzt vor unfassbaren 37 Jahren gegeben hatte – eine große Retrospektive auf Schlemmers Werk. „Visionen einer neuen Welt“: Unter diesem Titel wird sie am 21. November 2014 eröffnet werden.

Dabei hieß die Devise unter Museumsleuten jahrelang: „Rühre keinen Schlemmer an!“ So schreibt es der Berliner Anwalt und Spezialist für Kunstrechte, Peter Raue . In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „bauhaus“ beschreibt er noch einmal die unglaublichen Kapriolen, die der Erbschaftsstreit unter Schlemmers Nachkommen genommen hatte. Das Gezerre um Werke und Rechte hatte eine bittere Konsequenz: Wer immer den Versuch unternahm, Werke Schlemmers auszustellen, zu veräußern oder abzubilden, musste nach Darstellung Raues mit rechtlichen Interventionen der Erben rechnen. Das führte zu einer faktischen Blockade des Werkes.

Raue zitiert als spektakulären Höhepunkt dieser dunklen Schlemmer-Jahre den Streit um das berühmte Bild „Bauhaustreppe“. Das Gemälde aus dem Bestand des New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) wurde im Jahr 2000 in Berlin gezeigt. Schlemmer-Erben versuchten, die Rückkehr der Leihgabe nach New York unter Hinweis auf angeblich unklare Besitzverhältnisse zu verhindern. Um ein Haar wären damit die Beziehungen zum Museum of Modern Art für Berlin ruiniert worden, meint Raue rückblickend. Kein Wunder, schließlich war es Raue selbst, der als Vorsitzender des Freundeskreises der Berliner Neuen Nationalgalerie maßgeblich daran mitwirkte, Bilder aus New York für den Blockbuster „Das MoMA in Berlin“ im Jahr 2004 in die deutsche Hauptstadt zu holen.

„Jetzt ist das Werk Schlemmers wieder frei“, sagt auch Ingolf Kern von der Dessauer Bauhaus-Stiftung . Die Stiftung hat gleich ein ganzes „Schlemmer-Jahr“ ausgerufen. Mit der Dessauer Ausstellung „Mensch Raum Maschine“ will auch die Stiftung Schlemmer endlich wieder ins Gespräch bringen. „Es geht um die Besinnung auf das Menschenbild Schlemmers und dessen Übertragung in die Kunst“, sagt Kern.

Einen großen Schritt in diese Richtung unternimmt im Juni das Bayerische Staatsballett in München. Nach den Worten von Sprecherin Susanne Ullmann wird das Haus Schlemmers „Triadisches Ballett“ in der Fassung von 1977 rekonstruieren. Im Rahmen des Themas „Tanzland Deutschland“ zeigt das Staatsballett auch die Rekonstruktion von Mary Wigmans „Sacre du Printemps“, die am 9. November 2013 am Theater Osnabrück uraufgeführt worden war. „Triadisches Ballett“ und „Sacre“ in einer Spielzeit – das sei ein „Glücksfall“, sagt Ullmann. Die Jahre der rechtlichen Probleme seien vorbei. Jetzt werde Schlemmer „zu neuem Leben erweckt“.


Wer war Oskar Schlemmer? Oskar Schlemmer (1888–1943) war einer der wichtigsten Künstler des Bauhauses. Der in Stuttgart geborene und ausgebildete Künstler wurde 1921 an die legendäre Kunsthochschule berufen. Schlemmer leitete dort die Werkstätten für Wandmalerei, Metall und Bildhauerei. Von 1923 bis 1929 prägte er die Bauhausbühne. Sein „Triadisches Ballett“ wurde 1922 uraufgeführt. Schlemmers Gemälde mit abstrahierten Menschendarstellungen wurden zu Ikonen der Bauhaus-Moderne. 1933 vertrieben ihn die Nazis aus seinem Lehramt. Schlemmer arbeitete im inneren Exil weiter. lü

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