Thriller von Simon Stephens Premiere von „Three Kingdoms“ in Osnabrück



Osnabrück. Starke Ensembleleistung, ungewöhnliche Sitzordnung im Osnabrücker Emma-Theater: Regisseur Simon Stephens spielt gekonnt mit den Genres für Simon Stephens Europa-Thriller „Three Kingdoms“.

Düster ist es im Osnabrücker Emma-Theater, dichter Bühnennebel umwabert das Publikum, das im raffinierten Bühnenraum von Heike Vollmer auf Pappkartons zwischen drei tischartigen Spielflächen hockt. Taschenlampen leuchten grell auf und eine wüste Verbrecherjagd tobt an den Wänden entlang. Ja, das Theater kann es auch, sogar noch eine Gangart härter und realer als zumindest das Pantoffelkino zu Hause: einen Euro-Krimi zeigen in 3-D, ganz ohne die sperrigen Kinobrillen.

Gottlob steckt ein bisschen mehr in Simon Stephens Thriller „Three Kingdoms“ als nur die Aufklärung von Mädchenhandel und abscheulich grausamem Frauenmord im Länderdreieck von England, Deutschland und Estland. Sonst würde man sich das atemlose Ermittlungsgezappel amüsiert anschauen, ohne die Handlung zu durchblicken – und selig wegdämmern wie daheim vor dem sattsam bekannten Krimieinerlei.

Zugegeben, an der TV-Kriminalfilm-Tristesse scheiden sich die Geister. Doch wenn ein Thriller derart zupackend, genretypisch und anspielungsreich daherkommt wie dieser hier, dann macht er Spaß. Auch wenn die Handlung an Zuschauern vorbeirauschen dürfte, die den Stücktext nicht kennen. Aber das ist man ja vom Fernsehabend her gewohnt. Wenn der englische Detective Sergeant Ignatius Stone und sein Kollege Charlie Lee glauben, harte Hunde zu sein im Kampf gegen den internationalen Menschenhandel, so belehrt sie der Hamburger Kriminalbeamte Steffen Dresner eines Besseren: Der ist rund um die Uhr im Einsatz, flucht und prügelt hemmungslos und benimmt sich überhaupt wie die rüpelhafte, zotige Verkörperung dessen, was er eigentlich bekämpft. Marcus Hering macht das prima, pumpt ständig wie ein Hamburger Reeperbahn-König Bauch und Ego auf zu knallhartem Imponiergehabe.

Doch auch bei Stefan Haschke als Ignatius Stone, Martin Schwartengräber als Charlie Lee, Jakob Plutte als Polizist, Dennis Pörtner als estnischem Ordnungshüter ist der Grat zwischen rüden Verhörmethoden und eigener Täterschaft hauchdünn. Kein Wunder also, wenn sich vier Darsteller plötzlich zu Familienmitgliedern aus Francis Coppolas „Der Pate“ verwandeln. Da fallen letzte Schleier und geben skrupellose und selbstgerechte Testosteron-Bomben frei. Kenner des Genres werden lustvoll Bezüge und Anspielungen zu wenig zimperlichen Filmen von Quentin Tarantino , David Lynch oder anderen entdecken.

Kein Wunder also, dass auch Detective Stone mit dem Verlassen seines Heimatlandes in einen Strudel gerät, der ihn scheinbar zum Täter werden lässt. Man ahnt: Die Werte und Normen der europäischen Partnerländer sind noch zu unterschiedlich für eine Moral aus einem Guss.

Gottlob lässt Regisseur Dominik Günther dem philosophischen Spiel mit (europäischen) Identitäten nicht allzu viel Raum. Er hat sich für ein temporeiches, zupackendes Agieren auf den Spielebenen der drei Länder entschieden. Mit neun starken Schauspielerinnen und Schauspielern, die jeder ihrer Figuren eigene maßgeschneiderte Kontur verleihen. Auch die Auftritte von Marie Bauer, Magdalena Helmig, Patrick Berg oder Thomas Schneider sind ein Genuss. Diese Inszenierung vermittelt den Eindruck: Hier hat ein starkes Schauspielensemble endlich zusammengefunden, hier wird nicht nebeneinander hergespielt, sondern sich aneinander entzündet. Welch ein Seh-Vergnügen.

Weitere Aufführungen: 17. u. 20. Dezember, 8. Januar. Kartentel. 0541/7 600076.


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