Wedekinds Drama als Video-Oper Helene Hegemann inszeniert „Musik“ in Köln

Von Pedro Obiera

Wedekinds „Musik“ als Video-Oper: Gloria Rehm (Klara) vor den Projektionen ihrer Mutter (Dalia Schaechter) und ihrer eigenen. Foto: Paul LeclaireWedekinds „Musik“ als Video-Oper: Gloria Rehm (Klara) vor den Projektionen ihrer Mutter (Dalia Schaechter) und ihrer eigenen. Foto: Paul Leclaire

Köln. Die junge Erfolgsautorin Helene Hegemann („Axolotl Roadkill“) hat Frank Wedekinds Drama „Musik“ in Köln als experimentelles Musiktheater inszeniert. Dafür gab es bei der Premiere am Samstagabend heftigen, aber nur kurzen Applaus.

Dass sich Frank Wedekind für sein 1908 uraufgeführtes Beziehungsdrama „Musik“ jede tönende Beigabe verbeten hat, lässt heute natürlich niemanden davor zurückschrecken, ausgerechnet dieses Stück als Oper zu verwerten. Auch nicht den Trojahn-Schüler Michael Langemann, dessen Oper jetzt im Kölner Palladium mit heftigem, aber kurzem Beifall uraufgeführt wurde.

Dass sich die Jury des mit Landesmitteln unterstützten Fonds „Experimentelles Musiktheater“, die in den letzten Jahren nicht immer ein glückliches Händchen bei der Stückauswahl zeigte, für dieses Stück entschieden hat, ist allerdings nur zu einem kleinen Teil der „Musik“ Langemanns zu verdanken. Vielmehr reizte die szenische Aufbereitung mit einem prominenten und experimentierfreudigen Damen-Trio.

Das Libretto schrieb die junge Erfolgsautorin Helene Hegemann , die zugleich die Regie unter ihre Fittiche nahm. Für Bühne und Kostüme trägt Janina Audick die Verantwortung und die aufwendigen Video-Einblendungen zeugen von der Handschrift Kathrin Krottenthalers. Beides Talente aus der Schmiede Christoph Schlingensiefs.

Damit war natürlich keine brave Literaturoper zu erwarten, und die Damen zaubern mit ihren beachtlichen Mitteln so virtuos und wild, dass die Musik fast eingeschüchtert wie eine klingende Filmkulisse anmutet.

Mit Griffen in alle Töpfe akustischer Stimmungsmalerei von verzerrten Wagner-Anleihen bis zu spätromantischen Gefühlsaufwallungen und minimalistischem Klimbim gelingt Langemann eine geschickte, aber harmlose und locker genießbare Dekoration zu den optischen Bilderfluten auf der Bühne.

Die hüllen den Handlungskern aus Wedekinds Drama in einen Multimedia-Mix aus Projektionsvergrößerungen, simultanen Spielen auf mehreren Ebenen, ausgedehnten Sprechszenen, Opern-Parodien und Tanzeinlagen im Dancefloor-Modus. Es ist viel los auf den Brettern, wenn Klara von ihrer Karriere als Gesangsstar träumt und dafür sogar eine verhängnisvolle Affäre mit ihrem Gesangslehrer Josef eingeht, dessen Gattin dem Treiben teils frustriert, teils gelassen, teils interessiert zusieht. Der multimediale Feuerzauber der Inszenierung rückt die Handlung in die Nähe heutiger Castingshows, wozu auch die jugendlich schnoddrigen Dialoge von Helene Hegemann beitragen.

Allerdings verlieren Wedekinds Attacken gegen den Mief kleinbürgerlicher Moralvorstellungen an beklemmender Schärfe. Wen regen heute Liaisons zwischen Studentinnen und Professoren noch auf, selbst wenn es zu Schwangerschaften kommen sollte? Um heutige Moralvorstellungen auf den Prüfstand stellen zu können, reicht eine einfache Verlagerung ins moderne Show-Business nicht aus. Gleichwohl: Gloria Rehm, aus dem Kölner Opern-Studio hervorgegangen und brandneues Ensemblemitglied, nutzt die Chance, die riesige, mit artistischen Koloraturen gespickte Partie stimmlich souverän und mit ihrem jugendlichen Charisma auch darstellerisch überzeugend ausfüllen zu können. Eine der besten Nachwuchsleistungen der Saison. Henryk Böhm als Musiklehrer Josef wird von der Regisseurin erheblich blasser, geradezu schwächlich gezeichnet, was seine persönliche Leistung freilich nicht mindert. Umso schillernder tritt die Schauspielerin Judith Rosmair als Gattin Else mit tausend Facetten weiblicher Befindlichkeiten zwischen Glamour und Verzweiflung in Aktion. Nicht zu vergessen Dalia Schaechter als Mutter mit den Qualitäten einer Tragödin. Walter Kobéra sorgt mit dem Gürzenich-Orchester für eine wohlklingende, oft nur seichte Berieselung.

Heftiger, aber ungewöhnlich kurzer Beifall des Kölner Premieren-Publikums.

Die nächsten Aufführungen , Oper im Palladium, Köln-Mülheim, Schanzenstr. 40: am 11., 14., 19. und 22. Dezember. Karten: 0221/22128400.