Erzählband „Liebes Leben“ auf Deutsch Alice Munros literarisches Finale

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Osnabrück. Was für ein Finale einer Schriftstellerkarriere: Vor wenigen Monaten hatte die 82-jährige Kanadierin Alice Munro erklärt, ihr 13. Erzählband sei wahrscheinlich ihr letztes Buch. Kurz danach kam die Nachricht, dass sie am Dienstag, 10. Dezember, den Literaturnobelpreis erhält. Ein Grund, warum „Liebes Leben“ („Dear Life“) jetzt früher als geplant auf Deutsch erschienen ist.

In 14 sogkräftigen neuen Kurzgeschichten zieht Alice Munro, als Meisterin dieser Gattung gefeiert , noch einmal alle Register ihrer Kunst. Es sind unsentimentale Heimatgeschichten mit universeller Aussagekraft. Die meisten spielen wieder in ihrer Heimatprovinz Ontario, in Klein- und Großstädten.

Zeitlich beginnen sie vor dem Zweiten Weltkrieg und reichen bis in die Gegenwart. Alice Munro, die mit 40 Jahren ihr erstes Buch veröffentlicht hat, bleibt sich treu: Auf nur wenigen Seiten fächert sie komplexe biografische Miniaturen auf, jede so nachhaltig in ihrer Wirkung wie tiefgründige Romanhandlungen.

Die Geschichten handeln von schwierigen Eltern-Kind-Verhältnissen, seltsamen Paarbeziehungen, die durch Schicksalsschläge wie beispielsweise Krankheiten, Todesfälle oder auch überraschende Wiederbegegnungen eine oft überraschende Wendung erfahren. Inszeniert in einer Umwelt, die von der Kirche, der Erfahrung des Zweiten Weltkrieges, der Literatur und den jeweiligen zeitgenössischen gesellschaftlichen Konventionen geprägt ist.

Munro legt schonungslos, mitunter ironisch, verdrängte Sehnsüchte und Schuldgefühle ihrer Protagonisten offen. In „Liebes Leben“ kann man noch einmal nachspüren, woher die vielen Motive, die immer wieder in ihren Erzählungen auftauchen, stammen. Hinweise geben die letzten vier Geschichten, autobiografisch geprägte Erinnerungsstücke, im Teil „Finale“.

Verstörender Seeblick

In diesem blickt Munro auf ihre Kindheit in den 30er-Jahren auf dem Land zurück, auf ihr Verhältnis zu Mutter und Vater. Erstere beschreibt sie als „ernsthafte Person“, die von der Farmerstochter zu Lehrerin „aufgestiegen“ war. Sie sei, im Gegensatz zum Vater, einem Silberfuchszüchter, „Aufmerksamkeit erheischend“ gewesen. Wie ihre Mutter haben auch viele von Munros Frauenfiguren Mühe, unabhängig vom Gerede „der Leute“, ihren eigenen Weg zu finden.

In „Das Auge“ erzählt Alice Munro zwischen den Zeilen subtil von der Eifersucht auf die Geschwister und der daraus folgenden Abnabelung von der Mutter als Fünfjahrige, weil sie in die Obhut des Kindermädchens gegeben wurde; vom Neid und den Verlustängsten, die diese Bindung bei der Mutter auslöste. Später erkrankte sie an Parkinson, und die zehnjährige Tochter musste Teile der Mutterrolle im Haushalt einnehmen.

Vor diesem Hintergrund verstört eine der stärksten Erzählungen des Bands, „Mit Seeblick“, umso mehr. Aus der Sicht einer an Alzheimer erkrankten Frau geschrieben, führt Munro den Leser direkt ins Herz der wachsenden Panik, ein selbstbestimmtes Leben zu verlieren.

Munros Protagonisten fühlen sich oft so wie in einem ihrer autobiografisch geprägten Sätze aus „Nacht“: „Es war alles innerlich – diese Nutzlosigkeit und diese Fremdheit, die ich empfand.“ Die Kluft zwischen eigenem Empfinden und Außenwahrnehmung dominiert die meisten der neuen vielschichtigen Kurzgeschichten: das Gefühl der „Fremdheit“ im eigenen Leben, das zu fatalen Lebenslügen führt und zur Frage: Bleiben oder aus dem alten Leben fliehen?

Immer wieder liefern Bahnhöfe und Züge – eine Welt zwischen Ankunft und Abfahrt – die Kulissen. Das gilt auch für die Auftakterzählung „Japan erreichen“, in der die Hausfrau, Mutter und Dichterin Greta mit ihrer kleinen Tochter Katy nach Toronto reist. Beim Abschied von ihrem Mann ist sie bereits unterbewusst aus ihrer Ehe ausgebrochen. Oder in der Erzählung „Zug“ über einen jungen Soldaten, der entwurzelt, bindungsunfähig aus dem Krieg zurückkehrt und im wahrsten Sinne immer wieder den Absprung wagt. Aber auch wunderbare, fast absurde, ironische Geschichten wie die über die rasende Eifersucht einer 71-Jährigen in „Dolly“ sind darunter.

In der Kindheit gemachte Fehler bleiben bei Munro gnadenlose Lebensbegleiter. Ausgesprochene Familiengeheimnisse wären lieber ungesagt geblieben. Mit leichter Hand führt Munro den Leser auf falsche Fährten. Der Alltag, der Lebensweg ihrer zumeist weiblichen Charaktere wirkt oft zunächst so vorgezeichnet wie ein Schienennetz. Und dann zeigt sie, wie durch kleine Weichenstellungen ein Leben vom vorgeschriebenen Plan abweicht oder gar entgleist. Ein faszinierendes Leseerlebnis!


Alice Munro: „Liebes Leben.“ Erschienen im S. Fischer Verlag. Erzählungen. 368 Seiten, 21,99 Euro.

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