Sturm ist Sinnbild der Verstörung Farbwirbel als Naturgewalt

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Im Auge des Hurrikans: William Turners Gemälde „Schneesturm auf dem Meer“ (1842). Foto: picture-allianceIm Auge des Hurrikans: William Turners Gemälde „Schneesturm auf dem Meer“ (1842). Foto: picture-alliance

Osnabrück. Bilder bannen die Momente des Schreckens. Oder sie entfesseln mit der Darstellung von Naturgewalten gerade den Aufruhr der Fantasie. Die Kunst bietet beides – ganz nach Epoche und Zeitstimmung.

Sandro Botticelli (1445– 1510) lässt auf seiner „Geburt der Venus“ wie auf seinem Bild „Frühling“ Göttergestalten sachte Winde blasen. Der Sturm ist auf diesen Glanzstücken der Renaissance nur belebender Hauch. Bei Botticelli fügt sich der Sturm in die Harmonie der Natur. Er bewegt, stört aber nicht. Welchen Kontrast setzen dazu die Bilder von William Turner (1775–1851) . Unter allen Malern ist er der Sturm-Experte schlechthin, ein Mann der entfesselten Energien. Selbst Hollywoods Regisseure von Katastrophenfilmen können Turners gemalten Furor nur nachahmen. Zu übertreffen ist er nicht.

Denn William Turner schleudert den Betrachter mitten in den Sturm hinein. Auf seinen Bildern kreiselt, tost, wirbelt die Malerei derart entfesselt, als sei sie selbst eine blanke Naturgewalt. Turner steigert den Schrecken meist noch, indem er Stürme über das offene Meer rasen lässt. Rollende Wellen, Gewitterfronten, Schneegestöber, Sturmwinde: Aus all dem braut Turner ein Höllengemisch der rabiaten malerischen Effekte. Das Resultat sind Bilder, die als Erfahrungen der vollständigen Orientierungslosigkeit noch heute verstören. Als Motiv der Landschaftsmalerei gehört der Sturm in die ästhetische Kategorie des Erhabenen. Dieser Gegenbegriff zur Schönheit betont die schroffe Fremdheit der Natur. Maler haben deren überwältigende Größe mit den immer gleichen Motiven illustriert – mit dem weiten Meer, dem steilen Hochgebirge oder eben dem Sturm als Inbegriff unbezähmbarer Energie.

Der Galerist Herwarth Walden wendete dieses Thema zu einem Signal des Aufbruchs. 1912 eröffnete er in Berlin seine Galerie „Der Sturm“. Hier präsentierte er Wassily Kandinsky, Franz Marc, Oskar Kokoschka und andere. Sie standen für eine Avantgarde, die über Kunst und Kultur hinwegfegen sollte – als reinigender Sturm.

Wie dem Sturm dagegen eine elegante Seite abgewonnen werden kann, führte der Fotokünstler Jeff Wall 1993 mit seinem berühmten Bild „ A Sudden Gust of Wind (After Hokusai) “ vor. Ein Windstoß trifft Spaziergänger in freier Landschaft. Sie ducken sich unter dem Windstoß, aus einer Mappe fliegen Papiere in hohem, geradezu elegantem Bogen davon. Das sieht eher dekorativ als gefährlich aus. Kein Wunder: Der Kanadier Jeff Wall hat für sein Foto Holzschnitte des japanischen Künstlers Hokusai paraphrasiert. Der Sturm als kleine Störung der Routine – wenn es in der realen Welt der Katastrophen nur dabei bliebe.


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