Herforder Museum Marta erkundet die Geschichte der Collage Kunst aus lauter Bruchstücken

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Herford. Bilder zertrümmern, um sie dann aus ihren Einzelteilen neu zusammenzusetzen - so funktioniert Collage. Das Herforder Museum Marta blickt auf die Geschichte dieser Kunstform und ihre aktuellen Möglichkeiten.

Sie ist blond, cool, sexy: Marilyn Monroe glänzt als makelloser Superstar. Am 1. Mai 1962 haucht sie zum 45. Geburtstag John F. Kennedys ihr lasziv-legendäres „Happy Birthday, Mr. President“ ins Mikrofon . Nur ein paar Monate später geht ihr Mimmo Rotella an das glatte Image. Er zerkratzt der Monroe das zarte Décolleté, zieht ihr eine böse Schramme über die glatte Stirn, rauft der ihr im apart gelegten Blondhaar herum. Rotella richtet ein Massaker an - allerdings nicht an der wirklichen Person, sondern an einem Filmplakat, das die Monroe zeigt. Der italienische Künstler zerfetzt das Kinokultbild und zerlegt damit ein mediales Image. Das zerfurchte, geradezu umgegrabene Filmplakat zieht Rotella auf eine Leinwand auf, macht es zum Bild der Kunst - und zur Kritik an Konsum, Kitsch.Kino.

Mimmo Rotella lieferte mit seiner Marilyn 1963 ein Musterbeispiel der künstlerischen Collage . Wie viele andere Künstler vor und nach ihm zerlegte er gewohnte Bilder in ihre Einzelteile, um sie neu zusammenzusetzen und so überraschende Sichtweisen und Bedeutungen zu produzieren. Die Collage kehrt Blickrichtungen um, sie avanciert als Medium der Destruktion und Kritik zu einem wichtigen Ausdrucksmittel der Kunst der Moderne. Gemeinsam mit dem Kunstmuseum Ahlen breitet das Herforder Museum Marta rund 400 Exponate zum Thema aus. Die Zeitreise beginnt 1910 und mündet in die Gegenwart - Ende offen. Die Künstlerliste reicht von Arman bis Wolf Vostell und umfasst zwischen den Extrempunkten des Alphabets prominente Namen wie Joseph Beuys, Michael Buthe, Richard Hamilton, Martin Kippenberger, Sigmar Polke oder Daniel Spoerri. Die Collage - eine randständige Gegenkunst? Die Namensliste dieser Ausstellung belegt das Gegenteil.

Die Herforder Ausstellungsmacher waren so aufmerksam, schon die Raumarchitektur der Ausstellung als Collage aus kreuz und quer verkanteten Holzwänden zu konzipieren. Der Besucher absolviert so keinen linearen Rundgang, sondern eine Irrfahrt durch disparate Bildwelten. Das passt perfekt zur Collage - vor allem zu ihren historischen Positionen, die in der Herforder Auswahl vitale Frische und ungebrochene Angriffslust ausstrahlen. Da ist Michael Buthe, der Medienbilder mit Stars von Marlene Dietrich bis Arnold Schwarzenegger zum Bilderschnee zerdröselt. Oder Hans Thielmann, der 1933 Hitler und Goebbels als verschämte Nackedeis montiert. Die Collage zersplittert das konventionelle Bild der Realität. Marianne Brandt montiert 1926 Zeitungsschlagzeilen zum geometrischen Bild so, als könne Kunst das Chaos ihrer Zeit beruhigen. Dagegen montiert Wolf Vostell 1988 eine schwarze Marmorrinne auf einen Bildträger. Aus dem dringen in der Endlosschleife Namen von Opfern des Holocaust. „Holocaust Memorial“ nennt Vostell seine Collage.

Ein Riss geht nicht nur durch jede Collage. Ein Riss geht auch durch die Herforder Ausstellung. Die Zäsur trennt Historie von Gegenwart. Den Durchstieg kann der Besucher faktisch vollziehen - indem er durch ein Loch in Erik van Lieshouts „Der Unfall“ von 2013 steigt. Für die wandfüllende Montage hat der Künstler hat ein Foto der niederländischen Königsfamilie, die sich am 16. August 2013 zur Beerdigung des Prinzen Friso versammelt,mit Streifen rechtwinklig überklebt. Mondrian-Muster über Schmerzensfoto - ein Porträt der Niederlande? Wie auch immer diese Arbeit gesehen werden mag - sie zeigt jedenfalls, wie sehr die Collage in der Gegenwartskunst an Biss und Aggressivität verliert. Sie avanciert zum kalkulierten Planspiel - wie bei Anne-Mie van Kerckhoven, die Frauenporträts alter Meister und Bilder von Modemodels zu reichlich coolen Bildern überblendet oder wie Diana Sirianni, die ihre Bildfetzen als Tornado splittriger Bildfragmente in der turbulent gedrehten Raumarchitektur des Museums deckenhoch arrangiert. Frauke Dannert lässt noch etwas vom alten Geist der Collage aufleben, indem sie Versatzstücke der Architektur Le Corbusiers wie fremde Flugobjekte auf einer Museumswand dahinfliegen lässt. Die Collage aus Fotofragmenten formuliert eine Kritik an menschenfeindlicher Architekturavantgarde. So bissig ist Collage heute selten. Ob das vielleicht daran liegt, dass der digital explodierten Bilderwelt mit Collagen nicht mehr kritisch beizukommen ist? Die Gattung gibt es noch. Aber sie ist zu einem Genre unter vielen geworden. Eine aufmüpfige Gegenkunst ist die Collage damit nicht mehr.

Herford, Museum Marta: Ruhe-Störung. Streifzüge durch die Welt der Collage. Bis 26. Januar 2014. Di-So, 11-18 Uhr. www.marta-herford.de . Zweiter Teil der Ausstellung im Kunstmuseum Ahlen. www.kunstmuseum-ahlen.de


Was ist eine Collage? Collagen sind Bilder, die aus disparaten Materialen zusammengeklebt (von frz. coller für kleben) werden. Dafür werden Bruchstücke anderer Bilder verwendet oder reale Objekte in das collagierte Bild einmontiert. Die Collage wertet damit Materialien auf, die eigentlich nicht als kunstwürdig gelten. Sie kombiniert ansonsten getrennte Wirklichkeitsbereiche und bricht damit Bildkonventionen auf. Für Collagen werden Fundstücke verwendet oder Materialien, die durch das Zerstören anderer Bilder gewonnen werden. Die Collage eignet sich damit besonders gut für Strategien einer Kritik an Medien und Ideologien. Die Geschichte der Collage beginnt Anfang des 20. Jahrhunderts mit dem Kubismus. Künstler wie George Braque oder Pablo Picasso montieren Tapetenstücke, Zeitungsausschnitte oder Fahrkarten in ihre Gemälde. Andere Künstler bauen diese Verfahren konsequent aus. Legendär für das Genre der Collage wird John Heartfield, der Zeitungsausschnitte zu zeitkritischen Collagen montiert. In der Collage und ihren Verfahren der Montage artikuliert sich eine kritisch-distanzierte Haltung gegenüber jeder vorgefundenen Wirklichkeit. lü

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