4300 Besucher in der Seidensticker Halle Was treibt Bob Dylan zum Konzert in Bielefeld?

Von Ralf Döring | 22.04.2018, 17:40 Uhr

Letztes Jahr Lingen, diesmal Bielefeld: Bob Dylan ist zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit für ein Konzert in die Region gekommen. Was beide Male gleich war: Das Publikum war begeistert von der knackig-perfekten Show.

Vieles an diesem Abend in der Seidenstickerhalle ist wie immer bei Bob Dylan. Pünktlich um acht Uhr beginnt das Konzert, ebenso pünktlich endet es um 21.30 Uhr; es folgen, wie immer, „Blowin‘ In The Wind“ und „Ballad Of A Thin Man“ als Zugaben. Für ziemlich genau zwei Sekunden zeigt sich Dylan mit seinen Musikern dem Publikum, dann taucht er ab; der Tourbus wird zum Tunnel, aus dem er am folgenden Tag in Nürnberg wieder ans Licht tritt und einen Tag später im Festspielhaus in Baden-Baden. Weiterlesen: Bob Dylan 2017 in Lingen 

Das Phantom

Jenseits der Bühne ist der Mann zum Phantom geworden. Jack White, der begnadete Produzent, Sammler, Gitarrist, bekommt ihn offenbar gelegentlich zu sehen, Joan Baez hingegen, die Gefährtin der wilden 60er-Jahre, hat ihn zuletzt vor einem Vierteljahrhundert gesprochen. Nicht einmal der Nobelpreis lockt ihn wirklich ans Licht – nur für die Stationen seiner „Never Ending Tour“ steigt er aus dem Tourbus, materialisiert sich auf die Bühne, um anschließend wieder zu verschwinden. Was treibt den Mann? Die zehn bekanntesten Dylan-Covers - ein Quiz 

Fest steht: Er liefert, zusammen mit seinen fünf Musikern, eine packende Show. Er schöpft dafür aus dem unermesslichen Fundus einer Karriere, die vor nunmehr 57 Jahren begann, hat dabei einige Konstanten, aber auch etliche Variablen. Auf den derzeit obligatorischen Eröffnungssong „Things Have Changed“ folgt diesmal „Don‘t Think Twice, It‘s All Right“ in einer Version, in der Rhythmusgitarrist Stu Kimball mit der Akustikgitarre die Brücke zum Folk schlägt, bei der aber der sarkastische Trotz des Entstehungsjahrs 1963 einer altersweisen, auch altersbrüchigen, vielleicht sogar traurigen Milde gewichen ist. Gleich darauf lassen Dylan und Band es mit „Highway 61 Revisited“ im treibenden Bluesrock krachen, und überhaupt kehrt Dylan an diesem Abend den Rock ‘n‘ Roller ziemlich häufig heraus. Am markantesten und mitreißendsten kurz vor Schluss in „Thunder On The Mountain“ vom Erfolgsalbum „Modern Times“.

Geschichtenerzähler und echter Sänger

Lag im vergangenen Jahr, unter anderem beim Konzert in Lingen, ein Programmschwerpunkt auf dem „Highway 61“-Album, stellt Dylan diesmal das Album „Tempest“ aus dem Jahr 2013 ins Zentrum. Aber auch an Swingklassikern hat er nachweislich seinen Gefallen gefunden, und da steht er nicht mehr am Klavier, sondern mit dem Mikro mitten auf der Bühne. Gleichzeitig wandelt er sich vom Geschichtenerzähler zum echten Sänger, der mit der ihm eigenen, brüchigen Stimme unter die Haut geht. Die Band wird da zur dezenten Combo, die „Come Rain Or Come Shine“ mit dezentem Swing stützt, und „Autumn Leaves“ beschert einen Moment tiefgründiger, bewegender Melancholie. Weiterlesen: Bootleg Series Vol. 13 

So sehr Dylans Stimme dabei reibt und kratzt und knurrt, so ausdrucksstark ist sie auch. Und er ist in dieser Phase seines Lebens musikalischer als je zuvor. Für seinen mürrischen Sprechgesang zieht er Phrasen hier auseinander und verdichtet sie da mit einem perfekten Gefühl fürs Timing, und Jazzstandards singt er überraschend punktgenau. Die Slide-Gitarre von Donnie Herron verbindet Jazz, Folk und Blues, wie überhaupt die Band dem Meister den stabilen, aber flexiblen Rahmen vorgibt, in dem er sich musikalisch bewegen kann. Es bereitet große Freude dieser Band zuzuhören, und vielleicht ist genau das, die Freude an der Musik und am Konzert, die Motivation für Bob Dylan, sich immer wieder auf den Bühnen der Welt zu materialisieren. Und die Botschaft des Protestsängers und nobelpreisgekrönten Lyrikers? Die mag sich jeder Besucher selbst suchen: Die Titel seiner Konzerte stehen auf Dylans Homepage, selbstverständlich verlinkt mit den Texten.