Was Auktionsrekorde über Kunst und ihre Zukunft sagen Auf dem heißen Trip der Extreme


Osnabrück. Explosionen sind extreme Ereignisse. Für den Kunstmarkt gilt das nicht. Der Kunstmarkt explodiert in Permanenz. In wenigen Tagen fielen wieder drei für unerreichbar gehaltene Rekordmarken. Werke von Francis Bacon, Andy Warhol und Jeff Koons setzten neue Fabelwerte für Kunstauktionen. Doch was bedeutet dieser Trip der Extreme?

Der Kunstmarkt hat uns längst beigebracht, außergewöhnliche Zahlen als Normalfall hinzunehmen. Bilder, die viele Millionen kosten – solche Nachrichten nimmt die Öffentlichkeit längst unaufgeregt zur Kenntnis. Warum auch nicht. Kunstauktionen bei Christie’s oder Sotheby’s erzielen sensationell gute Ergebnisse in Serie.

Sogar Stars überrundet

Aber das Wort „sensationell“ reicht jetzt nicht mehr. 142,2 Millionen US-Dollar (106 Millionen) Euro für ein Triptychon von Francis Bacon: das teuerste Werk der Auktionsgeschichte. 105 Millionen Dollar (78,7 Millionen Euro) für ein „Silver Car Crash (Double Disaster)“ von Andy Warhol: neuer Rekord für die Werke des Pop-Art-Veteranen. 58,4 Millionen Dollar (43,6 Millionen Euro) für einen „Balloon Dog“ von Jeff Koons: Rekord als teuerster lebender Künstler. Drei Rekorde, mit denen immerhin – in dieser Reihenfolge – der „Schrei“ von Edvard Munch , Warhols „Green Car Crash“ und Gerhard Richter entthront wurden.

Sicher, der Kunstmarkt funktioniert nach Gesetzen, die mit denen anderer Märkte wenig zu tun haben. Kunstwerke haben keinen quantifizierbaren Nutzwert, der den astronomisch hohen Entgelten entsprechen würde, die für sie immer wieder gezahlt werden. Da gerade Spitzen- und Meisterwerke der Kunst einsame Solitäre sind, können sie auch nicht mit anderen Kunstwerken so verglichen werden, dass Preisbildung nachvollziehbar wird. Was kann an einem Kunstwerk 142 Millionen Dollar wert sein?

Sein symbolisches Kapital? Sein Ausnahmerang? Das Prestige der Kunst? Die Antwort: all dies zusammen. Kunstwerke verdichten mit diesen Kriterien ihre Fähigkeit zu extremer Unterscheidung. Der Besitz von Ausnahmewerken der Kunst toppt längst jeden anderen Inbegriff von unverschämtem, weil bedingungslos ausgrenzendem Luxus. Nobelkarossen, Hochsee-Jachten, Villen – alles Spielzeuge im Vergleich zu den Raumgleitern aus dem Orbit der Kunst. Nur ein unfassbar teures Vergnügen hält da mit: Fußballclubs kaufen und Starspieler vom Schlage eines Zlatan Ibrahimovic verpflichten.

Dieser Vergleich macht klar, dass die Kunst in den Stratosphären der Höchstpreise nicht so exclusiv dasteht, wie es zunächst den Anschein hat. Wirtschaftsgüter sind über den Preis vergleichbar – auch über den extrem hohen Preis. Und da wird die Kunst mit dem Sport als einer ganz anderen Welt verglichen. Kunst muss deshalb als ersetzbar angesehen werden. Sie hält sich in der Höhenluft extremer Marktsphären nur so lange, wie kein anderes Produkt auftaucht, das Hunderte Millionen Dollar wert zu sein scheint. Bis dahin bringt Spitzenkunst das Kunststück fertig, als eine der sichersten Anlageformen der Welt zu erscheinen. Superreiche setzen ihr Geld in Kunst um. Ihr Vertrauen in die Kurssicherheit von Gemälden und Skulpturen muss grenzenlos sein.

Das setzt allerdings rigorose Scheidungen in der Welt der Kunst selbst voraus. Die Auktionsrekorde verdecken die weniger glamouröse Tatsache, dass viele Kunstwerke aus den Auktionen unverkauft wieder zurückgehen. Die absolute Spitze disqualifiziert das Mittelmaß – oder das, was dafür gehalten wird.

Die Kunst bildet damit nur ab, was in Gesellschaft und Wirtschaft ohnehin längst Trend ist: die Schere zwischen Spitzenverdiener und Kleinsparer geht immer weiter auseinander, die Mittelschicht wird aufgerieben. Indem Kunst diese Konstellation selbst auf der Ebene der Verkaufserlöse und Auktionsresultate abbildet, verliert sie ihren Status als Instanz des kritischen Einspruchs. Auktionsrekorde machen Kunst extrem sichtbar. Zugleich reduzieren sie Kunstwerke allerdings auch auf die Rolle von Blue Chips und pulverisieren damit ihr Sinnpotenzial. Der knallrote „Balloon Dog“ von Jeff Koons ähnelt ohnehin schon einem Markenlogo seiner selbst – und genau jenen Spielzeughundchen, die Straßenanimateure für Kinder aus Luftballons knoten. In Koons’ gleißend buntem Metallobjekt liegen Prestige und Spaß, Wert und Wertlosigkeit erschreckend nah beieinander. Das Kunstwerk als Ware, Designobjekt, superteures Spielzeug, schickes Gadget? Eine sinnfreie Perspektive. Aufschlussreich nur, dass mit Warhols „Silver Car Crash“, dem anderen der Auktionsrekorde der letzten Tage, das Gegenbild in Gestalt des Desasters gleich mit im Spiel um Höhenräusche der Kunstpreise ist. Warhols Bild evoziert jene Erwartung, die allen Kunsthändlern, Bietern und Sammlern wie ein Menetekel über den Köpfen schwebt – dass die Kunstblase eines Tages doch platzen könnte.

Lichtblitz der Rekorde

Nicht nur deshalb geben die Auktionsrekorde Anlass zur Sorge. Sie imprägnieren Kunst so nachhaltig mit ökonomischem Wert, dass ihre eigentlichen Leistungen blockiert erscheinen könnten. Was ist mit der Kunst als Kritik und freiem Spiel der Assoziation? Was mit der Kunst als Freiraum für neue Gedanken und innovative Praktiken? Kunst sollte dazu dienen, dass Menschen sich selbst und ihr Zusammenleben anders als bisher beobachten, inszenieren und diskutieren können. All dies gerät mit Auktionsrekorden in Vergessenheit. In ihrem gleißenden Lichtblitz verglüht das eigentliche Potenzial der Kunst. Wie furchtbar.


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