Aus Samt und Seide Kunsthalle Bielefeld zeigt Textilkunst

Meine Nachrichten

Um das Thema Kultur Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.


Bielefeld. Kunst aus Textil - nur ein Frauenthema? Nein. Die Kunsthalle Bielefeld entdeckt Kunst aus Stoffen jetzt neu. Das Panorama reicht vom Bauhaus bis zur Gegenwart.

Sie arbeitete still für sich, fügte bezaubernd farbige Bilder aus Samt und Seide, Wolle und Organza. Ihre kleinen Bildformate fertigte Marianne Meyer-Weißgerber buchstäblich für die Schublade. Erst nach ihrem Tod 1991 kam zum Vorschein, was unter ihren Händen entstanden war - ein bildnerisches Zauberreich aus Abstraktionen, die an Paul Klee erinnern. Kunst aus Textil, das kleine Format, die Arbeit abseits des Ausstellungskarrussels: Liest sich so das typische Profil der Benachteiligten des Kunstbetriebs? Fast scheint es so. Die Kunsthalle Bielefeld räumt mit diesem Klischee jetzt allerdings auf. Sie präsentiert diese zuweilen böse als „Frauenkram“ abgetane Kunst als andere Geschichte der Moderne. Und liefert Gegenentwürfe zur verschämt versteckten Heimarbeit Meyer-Weißgerbers gleich mit. Tracey Emin, Skandalnudel der Young Brit Art, postet 1997 auf einem 2,67 mal 2,15 Meter großen Wollbild selbstbewusst ihr hochtouriges Leben. „Mad Tracey from Margate“, die verrückte Tracey aus dem Londoner Stadtteil: Rund um diesen Titel vermeldet Emin im Stil kurzer Twitter-Tweeds, worum es in ihrem Leben geht: Freunde, Ausgehen, Sex und Verlassenheit. Sieht so verschämte Weiblichkeit aus? Natürlich nicht.

Mit „To open Eyes“ klingt der Titel dieser Ausstellung arg angestrengt. Und obendrein illustriert die Schau den 800. Geburtstag der „Leineweberstadt“ Bielefeld, der 2014 gefeiert wird. Dennoch gelingt viel mehr als ein Beitrag zum Stadtmarketing, nämlich eine Revision gängiger Klischees der Kunstgeschichte, auch wenn die Bielefelder Präsentation bei weitem nicht so enzyklopädisch und raumgreifend ausfällt wie die Präsentation zum gleichen Thema, die derzeit im Kunstmuseum Wolfsburg zu sehen ist. Folgerichtig zeigen Kunsthallen-Direktor Friedrich Meschede und sein Team keine der großen textilen Installationen von Franz Erhard Walther oder Reiner Ruthenbeck.

Dafür präsentiert Bielefeld mit Benita Koch-Otte (1892-1976) eine weitere, bislang viel zu wenig gewürdigte Künstlerin, die zudem in Bielefeld gearbeitet hat. Die Bauhäuslerin Koch-Otte wirkte zwei Jahrzehnte lang bis 1957 als Leiterin der Weberei an den Bodelschwinghschen Anstalten in Bielefeld-Bethel. Ihre abstrakten Farbkompositionen zeigen die klare Formensprache des Bauhauses. Der Ausstellungskatalog bildet allerdings noch eine textile Arbeit in einem ganz anderen Stil ab. 1937 schuf Koch-Otte einen Teppich für das Trau- und Sitzungszimmers des Amtes Gadderbaum. Das verschollene Stück zeigt Reichsadler und Hakenkreuz. Was ist von einer Künstlerin zu halten, die in ihrem Werk NS-Symbole und das von den Nazis geschlossene Bauhaus zusammenbringt? Und was von einer Textilkunst, die sich offenbar, je nach Anlass, nahtlos in beliebige Gebrauchskontexte einfügt? In der Ausstellung wird dieser Zusammenhang nicht weiter thematisiert. Stattdessen bleibt es beim Verweis auf die angeblich unpolitische Koch-Otte.

Dabei wäre gerade im Hinblick auf Textilobjekte zu klären, inwieweit sich die jeweiligen Künstlerinnen und Künstler eben als Gestalter oder als freie Künstler verstanden, inwieweit Vorgaben aus Verwendungskontexten akzeptiert wurden. Schließlich ist die textile Kunst gerade dort gepflegt worden, wo Kunst und Design immer in einem engen Zusammenhang gesehen worden sind - bei den Wiener Werkstätten und am Bauhaus. Die Kunsthalle zentriert ihre Schau entsprechend um Paradebeispiele von Josef Hoffmann aus Wien sowie den Bauhaus-Künstlerinnen Gunta Stölzl und Anni Albers. Gerade die abstrakten Bildteppiche von Stölzl und Albers belegen ebenso, welche Möglichkeiten Textilkunst eröffnen kann, wie die Teppichentwürfe des Osnabrücker Konstruktivisten Friedrich Vordemberge-Gildewart . 1939 schuf er Entwürfe für die Amsterdamer Designfirma Metz. Dabei imitierte er den Textilcharakter der künftigen Teppiche raffiniert - indem er seine abstrakten Kompositionen auf Raufasertapete malte.

Textil zwischen Kunst und Gestaltung, zwischen Freiheit und Anwendung? Dieses Bild hat sich längst gewandelt. Künstlerinnen und Künstler der Gegenwart verwenden Textilien ganz selbstverständlich als Material einer hintersinnigen, ihre eigenen Entstehungsprozesse befragenden Kunst. So spannt die Japanerin Aiko Tezuka Meterware auf Holzrahmen, löst das Gewebe Faden für Faden auf und verwebt es zu einem anderen, unerwartet starken Bildobjekt Oder der Kosovare Erzen Shkololli. Während des Balkankrieges fügte er aus Stoffresten scheinbar naive Bilder, die von der Grausamkeit des Krieges erzählen. Bunte Stoffmuster stehen hier gegen Klage und Trauer - ein starker Kontrast. Mitten unter diesen Positionen finden sich schließlich auch drei Wandarbeiten des Osnabrücker Künstlers Friedrich Teepe (1929-2012) . Das große rote Hängeobjekt und die beiden, mit Faltungen raffiniert gestalteten Wandobjekte bewerten den ansonsten fast nur in Osnabrück ausgestellten Teepe ganz neu. Textilkunst ist in der Mitte der Kunstwelt angekommen. Bielefeld formuliert eine klare Botschaft.

Bielefeld, Kunsthalle: To open Eyes. Kunst und Textil vom Bauhaus bis heute. Bis 16. Februar 2014. Di, Do, Fr, So, 11-18 Uhr, Mi, 11-21 Uhr, Sa, 10-18 Uhr. www.kunsthalle-bielefeld.de


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN