Wilson-Fassung begeisterte Premiere von „Woyzeck“ am Osnabrücker Theater

So nah und doch so fern: Oliver Meskendahl als Woyzeck und Monika Vivell als Marie. Foto: Marek KruszewskiSo nah und doch so fern: Oliver Meskendahl als Woyzeck und Monika Vivell als Marie. Foto: Marek Kruszewski

Osnabrück. Der entschleunigte „Woyzeck“ in der Fassung von Robert Wilson und Tom Waits erntete begeisterte Pfiffe beim Premierenpublikum. In der Regie von Lilli-Hannah Hoepner hatte er am Sonntagabend im Stadttheater Premiere.

Osnabrück. „Misery’s the River of the World“ singt Magdalena Helmig rockig-gereizt und doch verloren ins Publikum. Damit trifft sie haargenau die Atmosphäre, die für die Robert-Wilson-Version des „Woyzeck“ im Osnabrücker Stadttheater mit allen Mitteln der Kunst geschaffen wird.

Denn Leid und Unheil liegen von Anfang an in der Luft. Franz Woyzeck ist geschwächt und vergiftet von den unheilvollen Mittelchen, die der Doctor an ihm ausprobiert. Der bleiche, verzweifelte Kampf ums Leben, den Oliver Meskendahl so vorzüglich mit Mimik, Körpergestik, Sprechstimme und Gesang ausdrückt, ist auf der Bühne allgegenwärtig.

Regisseurin Lilli-Hannah Hoepner hat mit einem ausgesprochen starken Team Woyzecks Innenleben nach außen gekehrt. Ungute Schwaden dampfen um ein riesiges industrielles Förderband herum, das auf der Drehbühne kreiselt wie der Schwindel, der Woyzeck immer wieder ergreift. Oliver Meskendahl schiebt die Förderbrücke mit ihrem Kessel darunter an, als Symbol für seine tägliche Bauarbeiter-Maloche. Und schleppt sich erschöpft zum Doctor: Er braucht das Geld für die medizinischen Torturen, um seine Marie und das gemeinsame Kind zu versorgen. Doch es reicht nie.

Einfach fantastisch, mit wie viel Fingerspitzengefühl für die jeweilige Szene die Musik ausmalt, was die Figuren empfinden. Bewusst leicht psychedelisch schräg und unsauber scheppert bisweilen das Klavier, quäken die Bläser der Osnabrücker Studenten vom Institut für Musik an der Hochschule: In Woyzecks Innenleben ist nichts mehr klar und eindeutig. Zärtlich gezupfte, verlorene Weisen aus dem Bühnenhintergrund künden von der chancenlosen Liebe, wimmernde, weinende Bläser erzählen von Angst und Qual. Süffige Romantik und bekannte mitreißende Rhythmen und Melodien sagen etwas darüber, dass das Leben auch schön ist – aber eben Schleuderfahrten enthält wie ein Karussell.

Das Leben als Jahrmarkt: Dieses morbide Sinnbild führt die Inszenierung gleich zu Beginn ein: Magdalena Helmig singt als zerrupfter Ausrufer und trauriger Clown die Jahrmarktsbesucher herbei – eine stimmlich und atmosphärisch tragende Figur für die Inszenierung. In den Industriekessel hat Bühnenbildnerin Iris Kraft ein glitzerndes Spiegelkabinett eingebaut.

In diese Stimmung fügen sich nahtlos die Songs von Tom Waits und Kathleen Brennan in der „Woyzeck“-Fassung von Robert Wilson ein, auch wenn man die Texte kaum versteht. Die acht Schauspieler sind gute Sänger. Allen voran Oliver Meskendahl mit seiner warmen, technisch hörbar versierten Stimme. Auch Monika Vivell als Marie singt berührend, kombiniert mit ihrem umwerfenden sinnlich-trägen Charisma für die Rolle.

Thomas Schneider als volltönender Hauptmann, Maria Goldmann als Margreth, Jan Friedrich Eggers als Woyzecks Freund Andres, Martin Schwartengräber als hinreisend machohafter und sportlicher Tambourmajor, gern auch in Putin-Pose mit nacktem Oberkörper und Riesenfisch: Sie alle setzen eigene, starke Akzente. Patrick Berg als Doctor erinnert in seinem weiß-gelben Mediziner-Schick noch am ehesten an den artifiziellen Stil Robert Wilsons.

Weil Wilsons „Woyzeck“ stark von Georg Büchners unvollendetem letzten Drama abstrahiert, ist die Osnabrücker Inszenierung etwas für Genießer nonverbaler Ausdrucksformen, für Liebhaber poetischer und entschleunigter Kunsträume. Und ist eine wertvolle Bereicherung für die breite Palette der Inszenierungsstile in der Intendanz Ralf Waldschmidts. Diese Botschaft kam an, wie die begeisterten Premieren-Pfiffe besonders für die junge Band zeigten.


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