Remarque-Friedenspreisträger auf der Buchmesse „Von der Freiheit sind nur Worte geblieben“


Frankfurt am Main. Starke, aktuelle Themen, neue Romane und ein großer Preis: Zwei Remarque-Friedenspreisträger gehören zu den wichtigen Autoren auf der Buchmesse: Swetlana Alexijewitsch, die Osnabrück 2001 ausgezeichnet hat, und Avi Primor, einer des diesjährigen Preisträger-Duos.

Swetlana Alexijewitsch erlebt derzeit aufregende Messetage: Die weißrussische Autorin, die die Stadt Osnabrück einst als erste Frau mit ihrem Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis ehrte, galt am Donnerstag auf einer beliebten Wettliste im Netz überraschend als Favoritin für den Literaturnobelpreis. Das hat zwar nicht geklappt, aber sie verlässt Frankfurt nicht ohne einen anderen begehrten Preis im Gepäck: Am Sonntag erhält sie in der Paulskirche den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Die Schriftstellerin und Journalistin, Jahrgang 1948, ist weltweit bekannt für ihre engagierte dokumentarische Prosa, die aus Tausenden von Interviews entstanden ist über russische Leidens- und Lebenswege. Hierzu zählen beispielsweise der Roman „Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft“ (1997), in dem sie den Betroffenen der Reaktorkatastrophe in der Ukraine eine Stimme gab, und aktuell ihr tief bewegendes Buch „Secondhand-Zeit: Leben auf den Trümmern des Sozialismus“ (Hanser Verlag). Sie selbst will in ihrem neuen Buch zeigen, „wie schwer und komplex der Weg zur Freiheit“ in ihrer Heimat sei, und nachspüren, warum sich so viele wieder nach alten Sowjetzeiten zurücksehnten.

2001 äußerte sie in Osnabrück eine Hoffnung in Bezug auf ihre Landsleute: „Ich möchte einen Menschen finden, der erschüttert ist vor Glück, nicht vom Unglück.“ Auf die Frage, ob sie diesen mittlerweile getroffen habe, antwortet sie sarkastisch: „Putin! Lukaschenko!“ Und fügt sie ernst hinzu: „Ich träume davon, mal ein Buch über die Liebe, das Älterwerden zu schreiben. Wir müssen erst lernen, glücklich zu sein, bisher ist es noch nicht so weit, dass jemand bereit ist, von den Barrikaden zu steigen.“ Der schwerste Konflikt in Weißrussland sei der mit dem eigenen Volk: „Von der Freiheit sind bei uns nur die Worte übrig geblieben.“

Seit einem Jahr lebt sie unter erschwerten Arbeitsbedingungen wieder in Minsk. Das Regime des autoritär regierenden Alexander Lukaschenko würde sie weiterhin wegen ihrer oppositionellen Haltung ignorieren. Ihre Artikel, ihre Bücher würden nicht publiziert. So will die mehrfach ausgezeichnete Alexijewitsch auch das neue Preisgeld nutzen, um ihre eigenen „Tschernobyl“-Bücher zu kaufen, die in Russland erhältlich sind, und sie dort verteilen, wo Lukaschenko plane, ein Atomkraftwerk zu bauen. Ohne Zweifel: Alexijewitsch ist eine ungebrochen couragierte Autorin geblieben. Für die offenbar immer noch gilt, was sie 2001 sagte: „Angst ist etwas Entwürdigendes, und man darf sie sich nicht erlauben!“

Avi Primor ist auf der Messe ebenfalls ein gefragter Interviewpartner, denn er hat für seinen ersten Roman das richtige Thema zum richtigen Zeitpunkt gewählt: Zum 100. Jahrestag des Beginns des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs 2014 präsentieren bereits jetzt zahlreiche Verlage Neuerscheinungen. Primor, der ehemalige israelische Botschafter in Deutschland, der im November gemeinsam mit dem palästinensischen Politiker Abdallah Frangi den Remarque-Friedenspreis erhält, gehört mit seinem ersten Roman „Süß und ehrenvoll“ (Bastei Lübbe/Quadriga Verlag) dazu. Es sei sehr schön, mit Frangi diese Auszeichnung zu erhalten, „weil wir uns von Anfang an, nachdem ich 1993 nach Bonn gekommen bin, immer gut verstanden haben. Wir haben uns regelmäßig getroffen, uns unterhalten und tun das heute noch ab und zu.“ Beide seien sie „sehr verzweifelt“ über die Situation im Nahen Osten. „Viele Leute haben die Hoffnung aufgegeben. Wir beide glauben, dass ein Frieden doch möglich ist.“ Frangi und Primor setzen sich für eine Zwei-Staaten-Lösung ein.

Primor, Jahrgang 1935, hat mehrmals an der Remarquepreis-Verleihung teilgenommen, doch diesmal sei sie für ihn „von besonderer Bedeutung“, vor allem auch, da es zum Namensgeber und dessen Antikriegsroman „Im Westen nichts Neues“ in diesem Jahr einen besonders großen Bezug gibt. Bereits 2010, als noch niemand im Verlag an den 100. Jahrestag des 1. Weltkrieges 2014 gedacht habe, habe er ein Thema dazu im Kopf gehabt. „Als ich Student war, habe ich mal einen Sketch von einem israelischen Komiker über den 1. Weltkrieg gesehen, der lustig war, den ich aber nicht richtig verstanden habe. Er ist mir aber im Hinterkopf geblieben.“ Die Schlüsselszene daraus, in der sich zwei jüdische junge Männer als Soldaten auf dem Schlachtfeld als Gegner gegenüberstehen, findet sich auch in seinem Roman wieder. Dort sind es Ludwig aus Frankfurt und Louis aus Bordeaux. Im Sketch erschießen sich die Männer, obgleich sie um ihren gemeinsamen Glauben wissen, im Namen ihres jeweiligen Kaisers. Es sei eine einmalige, historische Situation damals gewesen, dass die Juden in allen kriegsbeteiligten Ländern „derartig leidenschaftlich Frontsoldaten sein und kämpfen wollten, ohne sich jemals die Frage zu stellen, ob sie auf der anderen Seite auf Juden schießen“, berichtet Primor. Dieses Phänomen wollte er erklären – und das ist ihm fesselnd gelungen.


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