Literaturnobelpreis für Alice Munro Neues Leben für die Kurzgeschichte

Überrascht von der Entscheidung war auch sie: die neue Literaturnobelpreis-Trägerin Alice Munro. Foto: dpaÜberrascht von der Entscheidung war auch sie: die neue Literaturnobelpreis-Trägerin Alice Munro. Foto: dpa

Frankfurt. Schon lange wurde Alice Munro für den Literaturnobelpreis gehandelt: Mit 82 Jahren erhält die „Virtuosin der zeitgenössischen Novelle“ nun den wichtigsten Literaturpreis der Welt. Erstmals geht der Preis nach Kanada. Die Entscheidung der Schwedischen Akademie stieß bei der Fachwelt auf viel Zustimmung – natürlich auch bei ihren deutschsprachigen Verlegern auf der Frankfurter Buchmesse.

Munro gilt als einfühlsame Betrachterin von Leben, Gepflogenheiten und Werten der einfachen Menschen in ihrer Heimat Kanada. Ihr gelinge die Mischung aus Fakt und Fiktion, würdigt die Jury der Schwedischen Akademie die Autorin in ihrer Begründung. Ihr Milieu sei der Südwesten Ontarios, sagte Akademie-Sekretär Peter Englund in Stockholm. „Sie hat alles, was sie braucht, in diesem Stückchen Erde.“ Dabei sei sie eine Expertin, die Stimmungen ihrer Charaktere einzufangen. „Sie ist eine fantastische Zeichnerin menschlicher Gefühle.“

Nach der Verkündung der Entscheidung ist auch in Frankfurt auf der Buchmesse am Stand ihres deutschen Verlag S. Fischer die Freude groß: Während Hans Jürgen Balmes, Programmleiter für internationale Literatur, gerade unzähligen Journalisten Interviews gibt, platzt Jörg Bong dazwischen und umarmt ihn, als habe er eine Weltmeisterschaft gewonnen. „Das ist der Verleger!“, merkt Balmes in einer gespielten Entschuldigung für die Unterbrechung an und lacht. Bong: „Ich wiederhole es Ihnen gern immer und immer wieder: Wir sind so begeistert!“ Zuvor hatte Balmes Alice Munro gewürdigt: „Sie hat der Kurzgeschichte ein neues Leben gegeben.“

Munro lebt in der kanadischen Provinz Ontario. Ihre Kurzgeschichten sind selten länger als 30 Seiten. Sie sind nahe an ihrem eigenen Leben. Es geht um Frauen – um Mütter und Töchter – in Ontario, die erwachsen werden, sich verlieben und die schönen und tragischen Seiten des Lebens kennenlernen. Einen einzigen Roman („Kleine Aussichten“) hat die 82-jährige Kanadierin in ihrem langen Schriftstellerinnenleben veröffentlicht.

Von Doris Dörrie bis Jonathan Franzen – viele seien durch sie große Fans dieses Genres geworden, sagt Balmes und fügt hinzu: „Wenn man Munros Bücher einmal gelesen hat, dann gibt man sie gerne an gute Freunde weiter.“ Der Literaturnobelpreis sei eine deutliche Aussage, dass diese literarische Gattung aufgewertet werde, meint Balmes.

Acht Titel sind bei S. Fischer derzeit lieferbar. Im Frühjahr erscheint dort ihr neues Buch „Liebes Leben“ mit 14 Geschichten. „Sie hat gesagt, dass das ihr letztes Buch sei“, berichtet Balmes. Er hoffe aber, dass sie ihre Meinung noch ändere. Große Begeisterung auch bei der Verlegerin Sabine Dörlemann, die zwei Munro-Erzählbände im Programm hat. Sie sei lange Fan von Alice Munro gewesen, bevor sie deren Debütband „Tanz der seligen Geister“ erstmals in der deutschen Übersetzung veröffentlichte. Im englischen Original erschien dieser Band 1968. Die Zeit zum Schreiben hatte die damalige Hausfrau und Mutter dem Alltag abgerungen. „Ich hatte schlicht zu wenig Zeit für das Schreiben, keine Zeit für große Würfe. Zur Kurzgeschichte fand ich also aus sehr praktischen Gründen“, erinnerte sie sich in einem Interview.

Gleich ihr erster Band wurde preisgekrönt, und auch die zwölf bislang erschienenen weiteren Kurzgeschichten-Sammlungen wurden mit Lob und Preisen überschüttet. Auch ihr zweiter Erzählband „Was ich dir schon immer sagen wollte“, erschien 2012 auf Deutsch ebenfalls in dem kleinen Schweizer Dörlemann Verlag. (Mit dpa)


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