Ein Bild von Dr. Stefan Lüddemann
10.10.2013, 14:13 Uhr

Preis für Munro: Sieg für die Literatur

Kommentar von Dr. Stefan Lüddemann


Osnabrück. Für die einen eine Außenseiterin, für die anderen eine der wichtigsten Autorinnen der Gegenwart: Mit Alice Munro hat eine überzeugende Künstlerin den Literaturnobelpreis gewonnen. Die Auszeichnung ist ein Sieg für die Literatur.

Auch wenn der Name Alice Munro vor allem Literaturkennern bekannt ist - bei den Buchmachern rangierte die Kanadierin wie auch der japanische Romancier Haruki Murakami und die weißrussische Autorin Swetlana Alexijewitsch, Trägerin des Osnabrücker Remarque-Friedenspreises, in der Spitzengruppe der ganz heißen Tipps. Mit der stillen Favoritin Alice Munro kommt ein Name aus Nordamerika zum Zug - allerdings nicht die seit Jahren gehandelten Großautoren vom Schlage eines Philip Roth. Allein damit fordert die Nobelpreis-Jury die Öffentlichkeit zu jenem genauen Hinsehen auf, das auch für Alice Munro zu den künstlerischen Grundtugenden gehört. Schließlich brilliert die Autorin seit Jahrzehnten mit Geschichten voll sensibler Beobachtungen menschlicher Beziehungskonstellationen.

Mit dieser Vergabe ehrt die Nobelpreis-Jury nicht nur eine herausragende Autorin. Sie führt auch den Preis selbst aus den Diskussionen der letzten Jahre heraus. Mit Alice Munro wird eine Autorin geehrt, keine politische Aktivistin. Der Preis gilt der literarischen Leistung, nicht einem politisch korrekten Engagement. Die aktuelle Wahl setzt einen spürbaren und wohltuenden Gegenakzent zu einigen fragwürdigen Entscheidungen der letzten Jahre. Mit Mo Yan wurde 2012 ein chinesischer Romancier geehrt, dessen Nähe zu den Machthabern im Reich der Mitte Kritik herausfordern musste. Und 2008 verwunderte das Votum für den international weithin unbekannten Franzosen Jean-Marie Gustave Le Clézio. Die ersten Reaktionen zeigen bereits, dass die Wahl Alice Munros auf breiten Konsens stößt. Und das ist gut so.

Vor allem deshalb, weil die Kanadierin für literarische Kunstfertigkeit steht und gleichzeitig die Leserschaft seit Jahren nicht nur erreicht, sondern begeistert. Der diesjährige Literaturnobelpreis zeichnet auch das Gespür eines Publikums aus, das sich von flüchtigen Buchmarkt-Moden nicht blenden lässt und einer starken Autorin die Treue hält. Mit Alice Munro wird übrigens auch eine literarische Gattung unerwartet in den Fokus gerückt, die es seit Jahren eher schwer hatte - die Short Story. Das Genre der knapp formulierten, genau beobachteten Kurzerzählung erfährt neue Beachtung.

Kleiner Wermutstropfen aus Osnabrücker Sicht: Die Remarque-Friedenspreisträgerin Swetlana Alexijewitsch hat den Nobelpreis nicht erhalten. Immerhin zählte sie zum engeren Favoritenkreis. Allein das zählt schon als Bestätigung für die Wahl der Osnabrücker für ihren Remarque-Friedenspreis.


Der Artikel zum Kommentar