Ausstellung zeigt 2014 russische Avantgarde Raketenflug in eine neue Gesellschaft

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<em>Sie planen die neue Ausstellung:</em> Inge Jaehner und Alla Chilova (rechts) im Vordemberge-Gildewart-Raum des Felix-Nussbaum-Hauses. Foto: Michael GründelSie planen die neue Ausstellung: Inge Jaehner und Alla Chilova (rechts) im Vordemberge-Gildewart-Raum des Felix-Nussbaum-Hauses. Foto: Michael Gründel

Osnabrück. Sie bemalten Teller mit abstrakten Motiven, gestalteten futuristische Manschettenknöpfe – Russlands konstruktivistische Künstler. 2014 zeigt das Osnabrücker Felix-Nussbaum-Haus, wie Kasimir Malewitsch, El Lissitzky und Co mit Kunst die neue Gesellschaft entwerfen wollten.

„Sie waren voller Energie und schufen eine Kunst für die Zukunft“, sagt die freie Kuratorin Alla Chilova, die für die Osnabrücker Ausstellung 117 Exponate aus dem Bestand der Liechtensteiner Sepherot Foundation ausgewählt hat. Die Stiftung ist auf russische Kunst spezialisiert. Rund 1700 Exponate von der akademischen Malerei bis zur Avantgarde gehören zu ihrem Bestand. Ein Teil des Stiftungsbestandes befand sich zuvor im Besitz des weltberühmten russischen Cellisten Mstislaw Rostropowitsch .

Inge Jaehner will die Ausstellung mit dem Arbeitstitel „Geburtsstunde des Konstruktivismus“ im Erdgeschoss des Felix-Nussbaum-Hauses ab dem 23. Februar 2014 zeigen. Der Ort ist nicht zufällig gewählt. Der Raum mit der markant zugespitzten Wandstruktur nimmt ansonsten Präsentationen mit Werken Friedrich Vordemberge-Gildewarts auf. Der Osnabrücker Konstruktivist stand mit den russischen Avantgardisten mittelbar im Kontakt. Anfang der Zwanzigerjahre des 20. Jahrhunderts übernahm VG, so die Kurzbezeichnung seines Künstlernamens, das Atelier des russischen Avantgardisten El Lissitzky in Hannover. Der Osnabrücker Künstler teilte die grundsätzlichen Überzeugungen seiner russischen Kollegen: Die Kunst des Konstruktivismus gestaltete eine neue Wirklichkeit aus abstrakt-geometrischen Primärformen und klaren Primärfarben. Anders als Vordemberge-Gildewart verstanden die russischen Konstruktivisten ihre Kunst als Beitrag zu einer revolutionären Umgestaltung der Gesellschaft.

„Sie waren jung und voller Elan“, beschreibt Alla Chilova den Aufbruch der jungen sowjetischen Künstlergarde. Ende der Zwanzigerjahre bremste die kommunistische Partei die Avantgarde brutal ab und setzte den sozialistischen Realismus als Parteidoktrin der bildenden Künste durch. Doch bis dahin trugen die Konstruktivisten ihre Kunst als Design und Werbung bewusst in die gesellschaftliche Wirklichkeit. Entsprechend breit gefächert werden die Exponate in der Osnabrücker Ausstellung sein. Inge Jaehner und Alla Chilova präsentieren vor allem kleinformatige Exponate. Zu den Kunstwerken auf Papier werden Zeichnungen, Entwürfe und Collagen gehören. Dazu werden vor allem Objekte zu sehen sein. Von Manschettenknopf bis Essteller und Krawattennadel reicht das Spektrum von Objekten, die die Konstruktivisten in ihrem futuristisch-abstrakten Stil gestalteten. Die Künstlerliste umfasst prominente Namen wie Kasimir Malewitsch, Alexander Rodtschenko, Natalija Gontscharowa und Ljubow Popowa.

Auch wenn zum Zeitpunkt der Vernissage das VG-Jahr abgelaufen sein wird – Inge Jaehner versteht die Ausstellung dennoch als Beitrag zum besseren Verständnis des Osnabrücker Künstlers. „Wir zeigen die Basis der Kunst von Vordemberge-Gildewart“, sagt die Museumsleiterin. Derweil versichert Kuratorin Chilova, dass an der Qualität der Exponate nicht zu zweifeln sein wird. Nachdem zuletzt eine große Zahl gefälschter Werke russischer Konstruktivisten aufgetaucht war, ist die Kunstrichtung in die Debatte geraten. Die Bestände der Sepherot Foundation seien einwandfrei, sagte Chilova, die schon 2001 für Osnabrück aktiv war. Damals kuratierte sie die Ausstellung „Der befreite Blick“ mit Werken aus der Moskauer Tretjakow-Galerie .


Was ist Konstruktivismus? Der Konstruktivismus entsteht um 1913 in Russland. In klarer Abkehr von jeder Nachahmung der Wirklichkeit bauen avantgardistische Künstler ihre Bilder aus geometrischen Grundformen auf. Sie verwenden vor allem die Nichtfarben Schwarz und Weiß sowie die Primärfarben Rot, Gelb und Blau. Ausgehend vom schwarzen Quadrat von Kasimir Malewitsch verstehen junge Künstler den Konstruktivismus als Beginn einer völlig neuen Kunst. Sie weiten die neue Kunstrichtung zu einer allgemeinen Gestaltung aus, die Raumkonstruktionen, Design, Plakatkunst, Architektur und anderes mehr umfasst. Als umfassende Gestaltung soll der Konstruktivismus die revolutionäre Umgestaltung der Gesellschaft vorantreiben. Höhepunkt der technoiden Kunst des Konstruktivismus ist Tatlins Entwurf für ein Monument der III. Kommunistischen Internationale. Gegen Ende der zwanziger Jahre geraten die Konstruktivisten unter Druck. Das Sowjetregime erklärt den Sozialistischen Realismus zur offiziellen Parteikunst. Die aktive Rolle der Konstruktivisten ist damit beendet. Viele Vertreter dieser Kunstrichtung gehen in den Westen. Der Einfluss des Konstruktivismus wirkt auf die niederländische Gruppe De Stijl und das Bauhaus.

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