Vorgeschichte der Erfolgs-Trilogie Meisterwerk des Erzählens: Edgar Reitz‘ „Die andere Heimat“

Von Tobias Sunderdiek


Osnabrück. Nach der „Heimat“-Trilogie kehrt Edgar Reitz zurück in den fiktiven Hunsrück-Ort Schabbach. In seiner vierten Dorfchronik erzählt er von wirtschaftlich harten Zeiten, politischer Unterdrückung und vom Aufbruch in neue Welten in den 1840er-Jahren. Entstanden ist ein Meisterwerk des Erzählens.

„Etwas Besseres als den Tod finden wir überall.“ Wie bitter für die Bewohner von Schabbach diese Erkenntnis ist, zeigt sich eigentlich jeden Tag. Das Leben ist nicht nur bestimmt von unendlicher Mühsal, Armut, sondern auch von politischer Unterdrückung, Krankheit und Tod. Harte Winter, Missernten und Epidemien sind auch ständige Begleiter von Jakob Simon, dem Sohn des Schmieds und seiner Familie.

Seine einzige Verbindung zur Außenwelt sind Bücher. Jakob (Jan Dieter Schneider) verschlingt besonders die Reisebeschreibungen über Brasilien und der dort lebenden Ureinwohner. Auch er möchte in das Land, „in dem es keinen Winter gibt“. Doch für derlei Träume hat der gestrenge Vater kein Verständnis, und „die Tropen“ halten gar so manche Nachbarn für eine Krankheit. Nur der Onkel, ein Weber, sowie die kranke Mutter (Marita Breuer) halten zu ihm.

Dabei hält das Leben so manch überraschende Wendung für Jakob parat: etwa die erste Liebe, die er an seinen Bruder Gustav (Maximilian Scheidt) verliert, oder gar die Begegnung mit Alexander von Humboldt (Werner Herzog in einem kurzen Gastauftritt). Ein Zusammentreffen, das jedoch anders läuft als gewünscht. Wie vieles andere auch...

„Proust’scher Rausch“ – so bezeichnet man in der Literatur jenen Erzählfluss des Schriftstellers Marcel Proust, der, ausgelöst durch ein nostalgisches Erlebnis, zu grandioser Beschreibung umfangreicher Romane führte. Auch Edgar Reitz besitzt diese Besessenheit und teilt sie seit 1984 seinem Publikum mit, als er die ersten „Heimat“-Filme drehte, der noch zwei weitere TV-Serien (1993 und 2004) folgen sollten. Hier mit einer durch Jakobs Tagebuchaufzeichnungen als Off-Erzählung begleiteten Einrahmung, entwickelt auch dieser in diesem Kinofilm-Prequel einen Erzählfluss, der seinesgleichen sucht.

In lyrischen Schwarz-Weiß-Bildern mit teilweise farbigen Verfremdungen, einem oft prosaischen Naturalismus fern jeder Nostalgie, besitzt „Die andere Heimat“ einen epischen Atem, der sich jeder Museumsdorfidylle versagt. Vielmehr ist es ein gewachsener Film. Und das nicht nur, weil die authentisch alten Kulissen einfach über jene Drehorte gesetzt wurden, die bereits in den drei vorherigen „Heimat“-Teilen benutzt wurden. Also vor allem das Dorf Gehlweiler in Rheinland-Pfalz. Fern-, aber auch Heimweh, das sind hier die Themen. Aber auch, und das völlig unaufdringlich, deutsche Geschichte. Da nimmt sich der Kinostart zum Nationalfeiertag am 3. Oktober fast symbolisch aus, auch angesichts der Tatsache, dass Reitz hier das wohl deutscheste aller Filmgenres bedient – den Heimatfilm. Dies aber anders als übel beleumundete Filmschnulzen der 50er und des Fernsehens, sondern als fesselndes, authentisches und komplexes Drama. Ein wahrhafter Rausch. Kein Zweifel: Reitz ist der Proust unserer Zeit.

Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht. Deutschland, Frankreich 2013, 230 Min., R: Edgar Reitz, D: Jan Dieter Schneider, Antonia Bill. FSK ab 6. Hier geht es zum Trailer...


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