Gevatter Tod begleitet die Liebe „La Bohème“: Osnabrück kann große Oper

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Osnabrück. Soviel einhelligen Jubel und so lang anhaltenden Applaus gab es schon lange nicht mehr nach einer Opernpremiere in Osnabrück. „La Bohème“ hatte am Samstagabend im Stadttheater Premiere - in der sehr klaren und sehr stimmigen Inszenierung des holländischen Regisseurs Floris Visser.

Hoch ragen die fleckig-grauen, fensterlosen Mauern in der engen Gasse auf. Die kopfsteingepflasterte Straße wölbt sich und führt hinab ins schwarze Nichts. Mächtig in seiner Symbolkraft wirkt Dieuweke van Reijs Bühnenbild zur Osnabrücker Inszenierung von „La Bohème“, die absolute Hauptperson in der Inszenierung des holländischen Regisseurs Floris Visser . Zumal die vier Künstlerfreunde gänzlich unbehaust auf dieser Gasse leben. Bistrotischchen, Stühle, ein Gulli als Ofen markieren schon die ganze Behaglichkeit dieser Bohème. Fast bräuchte es den altmodischen strengen Herrn in Schwarz nicht, um klarzumachen: Hier, noch im ausgelassensten jungen Leben, ist der Tod allgegenwärtig.

Es braucht nur wenige, aber sehr klare und konsequent durchdachte Mittel, um Giacomo Puccinis Oper in Szene zu setzen, das macht Floris Vissers umwerfend schlüssige Inszenierung deutlich. Schwarz und Weiß, Licht und Dunkel sind die beherrschenden Farbpole auf der Bühne. Rot für das Leben erscheint nur auf der Leinwand des Malers Colline, in der fragilen Form von Luftballons, die der Tod namens Papignol vor dem Café Momus verteilt – und blass rosa als Mimis Mütze.

Wie Gemälde von Künstlerhand blättern sich die vier Bilder der Oper auf – auch das Teil eines durchkomponierten Gesamtkunstwerks. Am Weihnachtsabend arbeiten und frieren der Dichter Rodolfo und der Maler Marcello in ihrer Mansarde, bis der Musiker Schaunard Holz und Essbares bringt. Sofort entfalten die jungen Leute fröhliches, glänzend im Team gespieltes Leben auf der Bühne. Sie tricksen sich mit Lebenslust und List den lästigen Vermieter (Genadijus Bergorulko) vom Hals. Daniel Moon spielt einen Marcello mit attraktivem Charisma im kraftvollen Bariton. Jan Friedrich Egggers gibt den auch stimmlich eleganten Musiker Schaunard, Shadi Torbey den Colline als verzottelten, warmherzigen Philosophen und JunHo You (zu Gast von der Volksoper Wien) den Rodolfo mit einem hellen, in seinen Ausdrucksnuancen höchst gewinnenden Tenor.

Wenn dann die Liebe Einzug hält in Gestalt von Lina Lius Mimì, wenn sie sich bei JunHo You erstmals in reinen Gefühlsfarben artikuliert und dann in großer, schöner Stimmkraft aufleuchtet und gleichrangig von Lina Liu beantwortet wird, dann ist ein stimmliches Niveau erreicht, das bis zum Ende des Abends durchträgt. Es befeuert nicht nur das andere Paar, Marcello und Musetta, hinreißend kokett und provozierend gesungen von Susann Vent, sondern auch das gesamte Ensemble vom Chor bis zum Extra- und Kinderchor.

Doch es gibt noch eine Kraft, die das Bühnengeschehen befeuert und steuert, die es ausmalt und betüpfelt wie ein Künstler seine Leinwand: Generalmusikdirektor Andreas Hotz und das Osnabrücker Symphonieorchester. Hotz ist der Bühne und den Sängern ein kluger, extrem beweglicher Dialogpartner.

Mal lässt er Puccinis Musik erzählen, mal in großen Gefühlen schwelgen. Doch nie lang, breit oder pastös: Mit faszinierend leichter, aber gezügelter Hand wird sofort wieder das Brio zurückgenommen und die Lautstärke modifiziert, wird solistisch zart gehaucht und düster getrauert und fast andächtig der Atem angehalten in den effektvollen kurzen Pausen, die allein die Sänger zu Wort kommen lassen.

Der helle Publikumsjubel am Schluss, die Standing Ovations hätten deutlicher Hotz und dem Orchester gelten müssen neben JunHo You, Lina Liu und Regieteam. Diese Produktion belegt: Man muss nicht an die ganz großen Bühnen fahren, um einen in jeder Hinsicht großen Opernabend zu erleben.

Weitere Aufführungen: 2., 6. und 11. Oktober. Kartentel. 0541/7600076.


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