Ausstellungen revidieren das Vorurteil Die ganz andere Masche der Kunst


Osnabrück. Sie wurden als „Staubfänger“ verspottet, in die Ecke der Folklore gedrängt oder gar grob als „Frauenkram“ diffamiert – Kunstwerke aus Textilien oder solche, die Textil zum Thema machen. Doch jetzt dreht sich der Wind. In diesem Herbst zeigen mehrere Museen Ausstellungen zum Thema Kunst und Textil.

„Bislang haftete der Kunst aus Textil der Ruch des bloß Kunsthandwerklichen an. Damit räumen wir jetzt auf“, sagt entschlossen Markus Brüderlin, Direktor des Kunstmuseums Wolfsburg. Ab dem 12. Oktober zeigt das Haus unter dem Titel „Kunst & Textil“ einen Überblick zum Thema, der sage und schreibe von Gustav Klimt bis in die Gegenwart reicht. Gegen dieses enzyklopädische Unternehmen mit 170 Exponaten von 70 Künstlerinnen und Künstlern nimmt sich die Ausstellung „To Open Eyes. Kunst und Textil vom Bauhaus bis heute“ , die am 17. November in der Kunsthalle Bielefeld startet, bescheidener aus. Doch der Anspruch ist der gleiche wie in Wolfsburg. „Mit der Ausstellung relativieren wir die Hierarchie der Kunstformen“, sagt Kunsthallen-Direktor Friedrich Meschede.

Mehrere Ausstellungen, ein Trend? Das bestätigt die Berliner Kuratorin Rike Frank . „Geschichte wird immer wieder neu geschrieben“, sagt die freie Kuratorin verhalten. Dabei hat sie den neuen Trend wesentlich mit in Gang gesetzt. Ihre zweijährige, von der Münchener Allianz Kulturstiftung geförderte Recherche half, das Verhältnis von Kunst und Textil neu zu bestimmen. Das Projekt unter dem Titel „Textiles Open Letter“ – Ergebnisse werden gerade als Ausstellung im Museum Abteiberg in Mönchengladbach präsentiert – hat gezeigt, dass mit dem Thema Textil nicht nur bislang kaum beachtete Künstlerinnen und Künstler wiederentdeckt werden. Rike Frank hebt einen anderen Aspekt heraus. „Mit dem Thema Textil lassen sich Zusammenhänge von Kultur, Arbeit und Ökonomie neu untersuchen“, sagt die Kunstwissenschaftlerin. Sie macht in der Gegenwart eine Zeitschwelle aus. „Der Fortschrittsgedanke erscheint heute gebrochen, neue Formen des Wirtschaftens kommen in den Blick“, sagt Frank. Ihre Diagnose: Gerade Künstlerinnen und Künstler der Gegenwart entdecken das Thema Textil neu.

Markus Brüderlin will mit dem Thema Textil nicht nur die Gegenwart, sondern auch die Geschichte der Kunst der Moderne ganz neu verstehen. „Wir sehen darin eine Metapher für die Kunst des 20. Jahrhunderts“, sagt der Wolfsburger Museumsleiter. Er setzt mit der aktuellen Ausstellung eine Reihe zur „Genetik der Moderne“ fort. Mit Kunstgrößen wie Joseph Beuys, Louise Bourgeois, Gustav Klimt, Sophie Taeuber-Arp, Rosemarie Trockel oder Andy Warhol soll ein „textiler Paradigmenwechsel“ eingeleitet werden. Und der hat es in sich. Wer Textil als Kunst rehabilitiert, ebnet die bislang scharf gezogene Grenze zwischen Kunst und Gestaltung ein und rehabilitiert vor allem die Kunst von Frauen – von der Ehrenrettung für das vermeintlich minderwertige Material des Textils einmal ganz abgesehen. Aber in dieser Hinsicht hatten ja schon die Künstler der Arte Povera wichtige Vorarbeit geleistet. Diese Kunstrichtung wird in Wolfsburg mit Michelangelo Pistoletto, Piero Manzoni oder Lucio Fontana prominent vertreten sein.

Friedrich Meschede geht das Thema in seinem Bielefelder Haus gleich von einer ganz anderen Seite an. Das Stadtjubiläum 800 Jahre Bielefeld liefert den Anlass der neuen Ausstellung. Damit kommt die Tradition der ostwestfälischen Metropole als Standort der Textilproduktion ins Spiel. Meschede bezieht das Kunstevent auf die Industrie- und Lokalgeschichte. Deshalb zeigt Meschede nicht nur Größen der Kunst wie Ernst Ludwig Kirchner oder Sonia Delauney und Blinky Palermo, er bringt auch die vergessene Bauhaus-Künstlerin Benita Koch-Otte neu ins Spiel.

Die Künstlerin hatte am Bauhaus in der Textilklasse gearbeitet und später in Bielefeld-Bethel ihre Entwürfe mit Patienten der Bethelschen Anstalt umgesetzt. Nach Meschedes Worten werden sie heute immer noch verwendet. Die Bielefelder Kuratoren bauen ihre Ausstellung um Koch-Otte herum auf, zeigen Werke anderer vergessener Künstlerinnen wie Sofie Dawo und Elisabeth Kado. Meschede will damit auch „die Hierarchie der Kunstformen relativieren“. Rike Frank geht noch einen Schritt weiter. Sie sieht nicht nur Bewertungen verschoben. „Es ist gar nicht so wichtig, in Gattungen zu denken“, sagt sie. Sie findet offenbar derzeit viele Gleichgesinnte. Kunst und Textil: Das Thema boomt. Neben Wolfsburg oder Bielefeld bieten auch das Pariser Musée d’Art Moderne oder die Pinakothek der Moderne in München Ausstellungen zum Thema.


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