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Zauber verflüchtigt sich

Sie sind die große Ausnahme im Bereich der historischen Aufführungspraxis: die vier Herren vom Hilliard-Ensemble. Denn sie haben die Popularität, um ganze Kirchen nicht nur mit Wohlklang, sondern auch mit Publikum zu füllen. Insofern sind die vier eine sichere Bank für Herbert Vieth, der das Ensemble im Rahmen des Festivals "Musica Viva" wieder einmal in St. Marien auftreten ließ.

Allerdings platzte die Kirche keineswegs aus allen Nähten. Scheinbar verflüchtigen sich allmählich der Ruhm und die Bekanntheit, die sich das Ensemble zusammen mit dem Jazz-Saxofonisten Jan Garbarek erworben hat. "Officium", das berühmte Ergebnis dieser Kreuzung aus Polyphonie und Jazz, liegt eben doch schon einige Jahre zurück.

Mit einem lupenreinen Alte-Musik-Programm waren sie nach Osnabrück gekommen: Guillaume Dufay und Josquin des Prés sowie geistliche Gesänge aus der Handschrift von St. Martial aus dem 11. Jahrhundert gab es an diesem Abend zu hören. Wobei sehr schnell deutlich wurde, was die Faszination der Hilliards ausmacht: die geradezu jenseitige Aura, die ihrem Gesang entströmt. In vollendeter Homogenität entwickeln sie aus den virtuos miteinander verschlungenen Stimmen der Renaissance-Kompositionen Spannungsbögen, die es an grazil-monumentalem Schwung mit den Bögen im spätgotischen Kirchenschiff von St. Marien aufnehmen können. Perfekt stimmen Abstufungen der Lautstärke überein, Einsätze kommen mit hoher Präzision, und jeder Ton rastet sauber ein im komplexen Geflecht der Stimmen.

Und dennoch fehlt der Zauber früherer Auftritte. Zwar füllt wieder der typische "Hilliard"-Klang das Kirchenschiff: jener runde Klang, den der weiche Countertenor von David James nach oben abrundet, die Tenöre Roger Covey-Crump und Steven Harrold füllen und dem Gordon Jones mit seinem Bariton das kantige Fundament verleiht. Freilich nivelliert das auch: Die Hilliards drücken dem Zeitgenossen Arvo Pärt den gleichen Stempel auf wie dem Renaissancemeister des Prés. Doch genau darin liegt ja auch das Geheimnis der vier Briten, durch das sie die geheimnisvolle Atmosphäre ihrer Konzerte erzeugen: ein fast erschreckend präziser Wohlklang, den keine Unreinheit trübte.

Doch zumindest an diesem Abend in St. Marien klang es mitunter so, als würde sich der Zauber allmählich verflüchtigen. Zwar scheinen die Schlussklänge der geistigen Gesänge immer noch in die Höhe des Kirchenschiffs zu entschweben. Aber es mischen sich Nebengeräusche ein: Der Countertenor von David James klingt in den Höhen plötzlich leicht aufgeraut, und Gordon James hat an diesem Abend Mühe mit Josquins tiefen Tönen.

Paradoxerweise gewinnen aber gerade durch diese Unzulänglichkeiten die Stimmen mehr eigenes Profil: Der Hilliard-Sound individualisiert sich, weil die einzelnen Komponenten deutlicher in den Vordergrund treten. Freilich gibt es immer noch die Momente, wo die vier im homophonen Satz herrlich miteinander verschmelzen und sich der Zauber mustergültig wieder einstellt. Doch es gibt auch die Momente, wo deutlich wird, dass sich auch das Hilliard-Ensemble nicht gegen die Zeit stemmen kann, dass auch diese himmlische Musik von Menschen gemacht wird.


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