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Frischer Blick auf die Moderne Künstler und Vordemberge-Experte: Dietrich Helms stellt in Osnabrück aus

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Osnabrück. Sie zeichneten auf Bierdeckeln oder Briefbögen. Ende der Siebzigerjahre hatten selbst berühmte Künstler Kasimir Malewitsch’ „Schwarzes Quadrat“ noch nie gesehen. Das Bild, Ikone der Avantgarde, hing hinter dem Eisernen Vorhang. Dietrich Helms bat Künstlerkollegen, ihre Vorstellung des „Schwarzen Quadrates“ zu zeichnen. Das Ergebnis: eine Folge vielfach ironisch gekritzelter Hommagen an das Quadrat und eine Ausstellung mit Beiträgen von Günther Uecker, Sigmar Polke, Bazon Brock und anderen 1980 in Düsseldorf. 40 Tafeln von damals sind nun wieder zu sehen: in der Osnabrücker Ausstellung zum 80. Geburtstag des Künstlers, Kunstlehrers und Forschers Dietrich Helms.

Mit dem Malewitsch-Projekt bezeichnete Helms präzis den eigenen Standort in der Kunstgeschichte – nämlich als Nachgeborener einer Avantgarde, die der eigenen künstlerischen Entwicklung gleichzeitig als Fixpunkt und Material diente. Helms hat sich nie als umstürzlerisches Originalgenie inszeniert, sondern seine künstlerische Arbeit immer als bescheidene Bemühung in einem Netzwerk paralleler Intentionen verstanden. So hat er auch gearbeitet – spielerisch in der Ideenfindung, unaufgeregt in der Ausführung, qualitätsbewusst in Konzept und bildnerischem Resultat.

Die Osnabrücker Ausstellung versammelt in einem Saal des Felix-Nussbaum-Hauses rund 50 Werke aus der Zeit der Fünfziger- bis Siebzigerjahre. Gemeinsam mit Museumsdirektorin Inge Jaehner hat Helms keine Chronologie gehängt, sondern Werkgruppen gebildet: Strukturzeichnungen, Farbbilder, Buchobjekte oder eben die Variationen zum „Schwarzen Quadrat“.

An der Stirnseite des Saales hängt das „Wandrelief“ (1950) von Friedrich Vordemberge-Gildewart (VG). Und das ist kein Zufall. Helms umkreist in seinen eigenen Bildern und Objekten die Gestalt der diagonalen Gitterstruktur, die Vordemberge in seinem Relief wie ein schwebendes Raumzeichen installiert hat. Noch zu Lebzeiten des Osnabrücker Konstruktivisten VG – Dietrich Helms publizierte später dessen Werkverzeichnis – startet der Künstler seine eigene Gitter-Serie. In den „Strukturzeichnungen“ verwebt er diagonal gesetzte Striche zu Netzen, die sich endlos auszudehnen scheinen. Das einzelne Bild versteht Helms als Teil einer seriellen Untersuchung – und nicht mehr wie die Vätergeneration der Avantgarde als singuläres Aufbruchssignal. Helms knüpft mit spürbarem Geschichtsbewusstsein an die Kunst der Zwanziger an, verwirklicht seine konstruktiven Bildkonzepte aber ohne dogmatische Strenge.

Helms’ leise Kunst darf dennoch nicht unterschätzt werden. Er habe in jenen Jahren das Gefühl gehabt, dass buchstäblich alle Wirklichkeit flexibel und formbar geworden sei, sagte Helms bei der Vorbesichtigung. Darin liegt mehr als ein privates Lebensgefühl. Jahre vor jener Protestzeit, die die Gesellschaft der Bundesrepublik langfristig entscheidend verändern sollte, hat Helms in seinen abstrakten Bildern vorgeführt, wie flexibel und zugleich irritierbar Ordnungen sein können. Seine Gitterstrukturen ähneln Ordnungen mit eingebauter Asymmetrie – im Augenblick vor ihrem Zerreißen.

Anders als ungestüme Übermaler wie Walter Stöhrer stürzte Helms jedoch keine Monumente um, sondern adaptierte die Kunst der Vätergeneration für die eigene Zeit. Helms arbeitete weiter konstruktiv und abstrakt – aber mit distanzierender Ironie. So formte er geometrische Strukturen aus gefalteten Sportzeitungen. Oder fügte zylindrische Papierobjekte aus umgeknickten Seiten von „Schundromanen“ – und gab den fertigen Objekten mit listigem Augenzwinkern eine Bastelanleitung für jedermann bei. Hochkunst und Alltagsmaterial – bei Helms sind sie in fast jedem Objekt verschwistert. Entsprechend lapidar nennt er seine Werke einfach „Sachen“ – und gestaltet doch Objekte, die das Anliegen der Moderne weitertragen, ohne ihrer Selbstüberschätzung zu erliegen.

Osnabrück, Felix-Nussbaum-Haus: Dietrich Helms. „kreuzweis, etc...“. Eröffnung: Sonntag, 10. März, 11.30 Uhr, mit einem Gespräch zwischen Dietrich Helms und Susanne Tauss. Bis 12. Mai. Di.–Fr., 11–18 Uhr, Sa., So., 10–18 Uhr. www.osnabrueck.de/fnh


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